Staffan Valdemar Holm

Stage direction

Theatre and opera director Staffan Valdemar Holm, born in Tomelilla, Sweden in 1958, became General Artistic Director of the Düsseldorfer Schauspielhaus in August 2011. His contract runs initially for six years.
In Sweden he is known as ‘The German’ because he has never made a secret of his passion for German classics and the German city theatre system. As part of his training at the Theatre Academy in Copenhagen (1984-88) he spent several months as an assistant at the Berlin Schaubühne, where his responsibilities included working on Peter Stein’s production of The Hairy Ape (1986). As Artistic Director of the Royal Dramatic Theatre (Dramaten) he regularly invited innovative directors from Germany to Stockholm, most recently Michael Thalheimer, whose production of Horváth’s Casimir and Caroline marked Holm’s departure in November 2008 after programming the theatre for six years. He had previously been Artistic Director of the Theater Malmö from 1992 to 1998, where his opening production of Kleist’s Family Schroffenstein caused a furore.
Staffan Valdemar Holm made his debut as an opera director in 1996 and has undertaken one operatic work almost every year since, including Wagner’s Ring cycle from 2004 to 2006 at the Royal Opera in Stockholm. He has previously directed in Germany twice: Twelfth Night at the Deutsches Theater Berlin in 2002 and Tartuffe at the Frankfurter Schauspielhaus in 2010.



Plays
Künstlerporträt: Staffan Valdemar Holm, Oktober 2011
Stücktrailer: Hamlet
Stücktrailer: Richard III.


Interviews/materials

Bestattungskultur 4/2012

Sein oder Nichtsein?

Staffan Valdemar Holm, neuer Generalintendant am Schauspielhaus Düsseldorf, hat seine erste Spielzeit mit Hamlet eröffnet. In Shakespeares Klassiker überlebt nur die Figur des Horatio – alle anderen, einschließlich des Titelhelden Hamlet, liegen am Ende tot auf der Bühne. Warum der Tod so ein zentrales Motiv bei allen Bühnenstücken ist und was wir als Zuschauer dabei lernen können, erklärt der schwedische Regisseur, der u.a. sechs Jahre Leiter des Königlichen Dramatischen Theaters in Stockholm war, im Interview mit der bestattungskultur.

Von Eva Schmidt

Eine Szene Ihrer Inszenierung fand ich im Hinblick auf die moderne Bestattungskultur besonders bezeichnend: Nach dem Tod von Ophelia geraten ihr Bruder Laertes und Hamlet bei der Beisetzung in einen heftigen Streit, denn Hamlet soll schuld am Tod des Mädchens sein. Sie inszenieren das als furiosen Kampf um die Urne, die dabei aufspringt, eine Aschewolke wirbelt über die Bühne. Wie sind Sie darauf gekommen?

Staffan Valdemar Holm: Die Wirkung der Szene ist einfach stärker. Durch ihre Asche ist Ophelia, ist ihr Tod auf der Bühne anwesend. Zugleich wirkt er endgültiger – eine Kremation ist radikaler als eine Beerdigung, der Körper verschwindet irreversibel. Außerdem entspricht diese Bestattungsart der gesellschaftlichen Realität. In Skandinavien beispielsweise liegt die Quote der Einäscherungen bei nahezu 80 Prozent. Noch etwas kommt hinzu: Das Bühnenbild ist sehr klar und reduziert, eine pompöse Beerdigung hätte nicht dazu gepasst und war uns auch zu aufwändig.

Warum ist der Tod ein so zentrales Motiv in Opern und Theaterstücken?

Theater hat sich schon immer mit dem Tod und dem Töten beschäftigt und versucht, dieses Phänomen zu reflektieren. Denn hier erleben wir den Menschen in einer Grenzerfahrung. Es geht natürlich auch um die Motive und Konsequenzen des Tötens: Rache, Eifersucht, Geldgier etc. Gerade inszeniere ich Richard III., der jetzt neu auf dem Spielplan des Schauspielhauses steht. Ein Bösewicht, ein Mörder und das aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus, weil er gebrechlich ist und hässlich und von niemandem geliebt wird. Er hat aber überhaupt keine Schuldgefühle. Auch Hamlet ist trotz seine Zögerns und Zauderns ein Mörder. Allerdings ist er der einzige Held bei Shakespeare, der wirklich über den Tod reflektiert. Insgesamt ist unser Theater Teil und Reflektion auf Kultur. In allen Kulturen wird über den Tod nachgedacht, die Religionen sind dazu da, sich mit dem Jenseits, mit dem, was nach dem Tod kommt, zu beschäftigen und Vorstellungen dazu zu entwickeln.

Was hat der Tod für einen Stellenwert in Ihrer Arbeit? Wie inszenieren Sie den Tod?

Tatsächlich habe ich 1992 ein Stück geschrieben unter dem Titel „Totenkarrussel“, in dem in jeder Szene ein Toter vorkommt. Es ist Stück des Jahres in Dänemark geworden. Das Thema Todesvorstellungen in den verschiedenen Religionen hat mich immer interessiert, obwohl ich lutherischer Atheist bin, d.h. ich bin in dieser Tradition erzogen. Aber ich teile die Werte der zehn Gebote, ungefähr acht oder neun davon halte ich auch ein.

Beim Inszenieren von Sterbeszenen gibt es natürlich manchmal paradoxe Situationen: In der letzten Szene in Verdis Othello wird Desdemona erwürgt, danach muss sie aber noch eine ganze Weile singen. Da stellt sich schon die Frage: Wie setzt man das praktisch um, ohne unglaubwürdig zu werden? Bei mir hat sie dann vom Publikum abgewandt, nach hinten gesungen.

Wenn Sie ein blutiges Stück inszenieren, beschäftigt Sie das dann auch im Alltag?

Im Theater haben wir das Privileg, dass alles nur Spiel ist: Auf der Bühne sterben die Leute nicht wirklich, es fließt kein echtes Blut. Wir haben es damit leichter, wir nehmen es spielerisch. Ich denke, es verhält sich eher umgekehrt, dass man seine Erfahrungen aus dem Leben in die Arbeit mit hinein nimmt. Bei den Proben zu Hamlet kam meine Mutter auf die Intensivstation. Glücklicherweise ist sie wieder genesen, aber das war eine existenzielle Zeit, in der man plötzlich mit persönlichen Entscheidungen konfrontiert ist, was medizinisch getan werden soll, was nicht. Diese Erfahrung hat mich geprägt und das fließt dann auch wieder in meine Inszenierungen ein.

Wie sehen Sie den Stellenwert des Todes in der Gesellschaft?

Wir haben uns vom Tod entfernt. Ich glaube, meine Kinder haben niemals einen toten Menschen gesehen, ich nur einmal. Eigentlich schade, dass es so ist. Medial dagegen ist der Tod fast allgegenwärtig.

Was für eine Funktion hat das Theater in diesem Zusammenhang?

Das Theater kann tatsächlich auch zu einer säkularen Kirche werden, ich habe das mehrmals erlebt. Als 2003 die schwedische Außenministerin Anna Lindh nur 300 Meter von unserem Theater entfernt getötet wurde, stand bei uns König Lear auf dem Spielplan. Ich dachte, heute kommt bestimmt niemand, das Land war so geschockt, von nationaler Trauer ergriffen. Doch es war genau umgekehrt, das Theater war voll. Offenbar hatten die Menschen eine Sehnsucht, beisammen zu sein, sich auseinander zu setzen, gerade in dieser Ausnahmesituation.

Das gleiche passierte bei dem Tsunami 2004 in Thailand, als auch viele Schweden starben oder vermisst wurden. Wieder strömten die Menschen ins Schauspielhaus – offenbar wollten sie mit ihrer Trauer nicht alleine sein.

RP, 26.1.12

''Theater braucht eine neue Spielkultur''

Düsseldorf (RP). Der neue Intendant des Düsseldorfer Schauspielhauses Staffan Valdemar Holm hat mit 15 Premieren und einem Gastspiel-Festival den Einstieg hinter sich. Der Schwede fühlt sich wohl am Rhein, doch die Kritiker - so lautet seine Bilanz - müssten seine Handschrift erst noch kennen lernen.

VON DOROTHEE KRINGS

Sie hatten durch den langwierigen Umbau des Großen Hauses einen schwierigen Start – wann hatten Sie das Gefühl, in Düsseldorf angekommen zu sein?

Holm Gar nicht, ich bin noch nie irgendwo angekommen. Das hat mit meinem Beruf zu tun, man muss als Theatermensch vagabundieren. Ich bin nicht zuhause in Düsseldorf, aber ich fühle mich dort wohl.

Sie versuchen nun als Intendant, Theater zu zeigen, das sich auf den Text und die Schauspielkunst besinnt. Von der Kritik ist das durchwachsen aufgenommen worden. Fühlen Sie sich unverstanden?

Holm Die Kritiker müssen meine Handschrift erst kennen lernen. Es gibt bei manchen eine Blindheit für alles, was im Innenleben von Figuren geschieht, das glaube ich schon. Die Rezensenten interessieren sich mehr für die äußere Form. Aber auf der Bühne kommt alles von Innen. Deutschland hat jetzt etwa 30 Jahre postdramatisches Theater hinter sich. Die Provokation ist Konvention geworden. Jetzt geht es darum, sich wieder auf das Spiel und die Sprache zu konzentrieren. Das ist nicht konservativ, das ist radikal.

Wie würden Sie denn die Handschrift charakterisieren, für die das Düsseldorfer Schauspielhaus unter Ihrer Leitung stehen soll?

Holm Man kann diese Frage schwer beantworten, wenn man nicht nur eine Floskel dahinsagen will. In Düsseldorf gibt es keine vielfältige Theaterlandschaft wie in Berlin. Darum darf das Theater hier nicht nur einen Stil zeigen, sondern muss Vielfalt in ein Haus holen. Ich versuche also nicht, eine Handschrift zu etablieren, aber einen Geist: das Streben nach Exzellenz.

Sie haben in Theatern in ganz Europa inszeniert. Eine dieser Arbeiten bringen sie jetzt aus Serbien nach Düsseldorf: Euripides ''Bakchen'' mit dem Belgrader Nationaltheater. Warum dieses Gastspiel?

Holm Belgrad wurde 1999 im Jugoslawienkrieg bombardiert. Die Schauspieler haben das mitgemacht. Sie haben erlebt, wie sich ihre Welt in kurzer Zeit fundamental verändert hat. Und genau darum geht es in den ''Bakchen''. Die Darsteller tragen auf tragische Weise alles, worum es bei Euripides geht, in sich. Das muss man erleben, wie sie dieses Stück spielen, das ist absolut außergewöhnlich.

Bisher hat Ihr Publikum auf Produktionen in anderen Sprachen zögerlich reagiert. Sie halten aber an dem Versuch fest, in Düsseldorf ein internationales Programm zu zeigen. Kann man ein Publikum erziehen?

Holm Das ist ein Prozess, ich würde eher von einer Verführungsstrategie sprechen. Am Anfang muss man sehr direkte Kanäle finden, um die Menschen für außergewöhnliche Theater aus anderen Ländern zu interessieren. Weil es gut ist. International zu arbeiten, ist keine fixe Idee, das ist heute eine Notwendigkeit.

Gibt es denn heute überhaupt noch ''das Publikum''?

Holm Es gibt eine Art Selbstbewusstsein des Publikums, eine Vorstellung der Kernzuschauerschaft davon, wer sie sind. Spannend ist, wie sich diese Auffassung dann multipliziert zum Gesamtpublikum. Das kennen wir in Düsseldorf noch nicht ganz genau. Wir stellen nur fest, dass uns bisher vor allem das Publikum zwischen 30 und Mitte 40 fehlt, weil dies das Alter ist, in dem die Menschen Familien gründen, an den Stadtrand ziehen. Aber das geht den meisten Theatern so. Ich suche in Düsseldorf noch nach dem kreativen Milieu, etwa dem Umfeld, in dem sich die Kunstakademiestudenten bewegen. Ich habe zwei Kinder, 20 und 24 Jahre alt, die wissen in Berlin, wo sie hingehen müssen, aber in Düsseldorf nicht.

Im Jungen Schauspielhaus ist der Einstieg nicht besonders gut geglückt. Vor allem das Weihnachtsmärchen ''Peter Pan'' ist wegen vieler brutaler Szenen in die Kritik geraten.

Holm Ich finde Barbara Kantels Neudefinition eines Kinder- und Jugendtheaters sehr zeitgemäß, sebstbewußt und mutig. Das ist doch klar, daß nicht alles auf Anhieb klappt und Teile des Publikums Liebgewonnenes vermissen. Übrigens war Peter Pan immer ausverkauft.

Das sind die Weihnachtsstücke immer.

Holm Theater handelt nun mal von Gewalt. ''Hamlet'', ''Richard III.'', Shakespeare überhaupt ist Auseinandersetzung mit Moral und Gewalt.

Beim Jugendtheater muss man aber doch wohl fragen, wie das geschieht?

Holm Ich denke über ''Peter Pan'' hätten wir mehr mit dem Publikum reden müssen und erklären, in welchem Verhältnis bestimmte Darstellungen auf der Bühne zu Gewalt etwa im Fernsehen stehen. Das ist eine interessante Frage, weil es um schwierige Darstellungsmittel geht, wie etwa Ironie.

Sie inszenieren im März ''Richard III.'' und damit zum zweiten Mal in Ihrer Intendanz Shakespeare. Greifen Theater immer wieder auf diese großen Stoffe zurück, weil die jüngere Dramatik nicht genug Texte mit der Vielschichtigkeit eines Shakespeare bereithält?

Holm Shakespeare hat seine Stücke offen geschrieben, das ist Sprache, die auf eine Bühne ohne Innenräume gestellt wurde – in ein Exterieur. Das gleiche taten die Franzosen danach: Corneille, Racine. Dann kamen die Deutschen, Lessing, Schiller, die ihre großen Dramen in Innenräume brachten, in Interieurs. Sie holten die Schlachtfelder in ein Zimmer, setzten die Helden auf einen Stuhl. Bei Ibsen sind sie dann endgültig häuslich geworden. Mit solchen Entwicklungen müssen sich Theatermacher auseinandersetzen, Theater ist eine Interpretationskunst.

Sie haben auffallend wenige Uraufführungen im Programm – genügen denn zeitgenössische Stücke von jungen Autoren ihrem Qualitätsanspruch nicht?

Holm Doch, aber wir hatten nur ein Jahr Vorbereitungszeit, das genügt nicht, um Auftragsarbeiten an gute Autoren zu vergeben. Aber das wird kommen.

Wenn Sie Stücke in Auftrag geben – welche Themen interessieren Sie?

Holm Das möchte ich noch nicht verraten. Aber in jedem Fall gilt, dass sich nicht alle aktuellen Themen für Theater eignen. Fukushima etwa kann man nicht einfach auf die Bühne bringen, ohne dass das wie ein Übergriff wirken würde. Aber es gibt andere aktuelle Themen – zum Beispiel Frauen. Interessant wäre ein Stück, in dem es um Frauenrollen geht, die nicht durch das Geschlecht definiert sind.

Statt auf Uraufführungen setzen Sie aber auf große Schauspielernamen. Werden Leute wie Udo Samel oder Rainer Bock denn wieder in Düsseldorf zu sehen sein?

Holm Ja, das sind Gäste, die gerne wieder bei uns spielen möchten, aber sehr stark beschäftigt sind. Wir müssen also abwarten, wann sie wiederkommen können.

Man hat Sie zum Antritt ignorant den ''unbekannten Schweden'' genannt. Welchen Titel möchten Sie sich in den nächsten Jahren erarbeiten?

Holm Ich habe viele Titel: Ich war auch schon der ''Schweden-Gründgens'' oder der ''Spaßvogel-Intendant'' (lacht). Ich will hier nur gute Arbeit leisten. Wir haben den Start geschafft. Dabei ist noch nicht alles geglückt, aber wir haben angefangen, etwas Gutes aufzubauen und daran bauen wir weiter.

WAMS, 13.11.2011

''Das bin alles ich''

Staffan Holm ist der neue Intendant des Düsseldorfer Schauspielhauses. Ein Gespräch über gute und schlechte Regie und die Frage, wie plakativ Theater sein darf

Zwei Tage nach dem ''Hamlet'' und nach Ende des gesamten Premieren-Zyklus' am Düsseldorfer Schauspielhaus: Der neue Intendant Staffan Valdemar Holm sieht sich mit sehr gemischten Reaktionen - Tendenz: negativ - konfrontiert. Seinen Humor, den er schon bei der Bewältigung der Bauverzögerung und Verschiebung seines Starts gut gebrauchen konnte, behält er auch jetzt. Und sagt Sätze wie: ''Die Kritiker sind normalerweise nicht schlimmer als das Theater selbst. Das hängt zusammen.'' Außerdem ist er gerade auf cold turkey, das heißt, er hat mal wieder mit dem Rauchen aufgehört. Seiner launigen Gelassenheit schadet der Entzug nicht.

Autoren: Christiane Hoffmans und Andreas Wilink

Welt am Sonntag: Haben Sie den Eindruck, Herr Holm, dass Ihr Konzept verstanden worden ist, mit dem Sie das Haus internationalisieren und ganz unterschiedliche Regie-Positionen nebeneinanderstellen wollen?

Staffan Holm: Es ist wahrgenommen worden, dass wir kein Debattentheater machen, sondern Theater, das den Schauspieler in den Mittelpunkt stellt. Der Begriff Internationalisierung zielt vor allem auf Offenheit und Vielfalt. Das ist uns bisher gut gelungen.

Welt am Sonntag: Wobei Debattentheater meinen kann, dass etwas im Gespräch ist. Und das dürfte doch in Ihrem Interesse liegen. Wenn Sie Vielfalt sagen - die lässt sich aber nicht jenseits vom Ergebnis und seiner Qualität rechtfertigen? Wenn eine Regie-Farbe die andere verwässert und etwas krass missglückt wie ''Illusion'' von Marie-Louise Bischofberger, wird das Gesamtbild darüber nicht beschädigt?

Staffan Holm: Wenn ich über Vielfalt rede, rede ich zunächst überhaupt nicht über Qualität. Keine Frage, wir wollen gutes Theater machen - immer und auf allen Bühnen. Als Ziel. Aber! Das wird nie passieren. Das ist in 2500 Jahren Theatergeschichte nie passiert. Wir haben ganz bewusst verschiedenste Richtungen eingeschlagen - einige werden wir weiterverfolgen, andere wohl nicht.

Welt am Sonntag: Als Intendant hätten Sie aber schon die Möglichkeit, vielleicht die Pflicht, einzugreifen und Halt zu sagen, wenn Sie bei Proben erkennen, dass etwas überhaupt nicht funktioniert.

Staffan Holm: Ja. Aber am Anfang muss man großzügig sein und die Leute machen lassen, nur daraus lernt man. Bedenken Sie dazu die Situation, die wir hatten: die Baustelle, die sieben Premieren, meine eigene Inszenierung und dazu das Festival; außerdem gab es sehr wenige Bühnenproben. Normalerweise sieht man Fehlentwicklungen viel früher, oder ein Regisseur kommt und sagt ''Kannst du mir helfen?'' In Stockholm am Dramaten, Schwedens Nationaltheater, ist es in jeder Saison mindestens einmal passiert, dass ich der Schattenregisseur für einen Kollegen wurde. Nach der Premiere habe ich dann eine wunderschöne diplomatische Ansprache gehalten. Ich muss auch sagen, es gibt Aufführungen, die schätze ich ästhetisch und formal, könnte sie aber selbst nie machen. Die verstehe ich als Zuschauer, nicht als Regieprofi.

Welt am Sonntag: Nach Ansicht der ersten Inszenierungen - von Falk Richter, von Nora Schlocker, von Marie-Louise Bischofberger, bedingt auch Ihres ''Hamlet'' - vermisst man einen Deutungsansatz. Man fragt sich, warum inszenieren die das überhaupt?

Staffan Holm: Ich sehe ganz klar eine Haltung sowohl bei ''Hamlet'' als auch bei ''Karte und Gebiet''. Die Frage ist, wie aufdringlich wollen Sie sie haben. Sicher gibt es in Deutschland viel Plakatives. Ich bevorzuge eher das Feine und Subtile. Mir sind auf der Bühne präzise Fragen wichtig. Und der Respekt vor der Geschichte. Wenn ich Antworten kommunizieren will, dann gebe ich im Marketing ein Poster in Auftrag. Was Nora Schlocker angeht und ihre Version von ''Einsame Menschen'': Da bleibt mir auch Manches verborgen. Aber was ich sehe, ist ihr Fokus auf ein Thema: den monomanen Mann und die Frauen. Ich bin nämlich Feminist (er lacht ), und ich werde Nora Schlocker auch noch überzeugen, Feministin zu werden.

Welt am Sonntag: Das gilt auch für Ingmar Bergman, dass ihn extrem das Verhältnis von Mann und Frau beschäftigt hat. Geht es für einen Schweden eigentlich nie ohne Bergman. An zentraler Stelle Ihres ''Hamlet'' zitieren Sie ausführlich Bergmans filmisches Spätwerk ''Fanny und Alexander''.

Staffan Holm: Wir haben mit diesem Bergman-Text, der vom Theater erzählt, die Gelegenheit, mit mehreren Ebenen zu spielen, von der Realebene ins Spiel hin- und zurückzugehen. Ich will das nicht überbetonen, aber mit diesem Fremdtext wird auch eine Art Psychodrama auf der Bühne verstärkt wahrnehmbar.

Welt am Sonntag: Bergmans Text handelt auch von der Macht der Fantasie. Ist das für Ihre Arbeit ein Statement?

Staffan Holm: Ehrlich gesagt, was Bergman da geschrieben hat, ist programmatisches Mittelmaß. Aber macht natürlich Sinn: Liebe zum Theater, Disziplin, die Welt besser verstehen durch die Bühne und so weiter - das ist einerseits trivial, aber auch wahr.

Welt am Sonntag: Ihre jetzige Hamlet-Inszenierung wirkt sehr konservativ. Kann man hinter eine so radikale ästhetische Position, wie sie beispielsweise Jürgen Gosch mit seinem Shakespeare-''Macbeth'' 2005 in Düsseldorf eingenommen hat, zurückfallen?

Staffan Holm: Man muss es sogar. Gosch selbst hat immer wieder verschiedene Ansätze ausprobiert, mal radikal, mal feinstofflich. Wenn Sie so wollen, ist er selbst hinter seine Position zurückgefallen. Und kam auf neue, gepriesene Lösungen.

Welt am Sonntag: Existiert ein grundlegender Unterschied zwischen dem Theater, das Sie aus Schweden kennen, und dem deutschsprachigen? Wie ordnen Sie sich da ein? Müssen wir Ihren ja sehr ungebrochen, nüchtern erzählten ''Hamlet'' aus einer für uns anderen Theatertradition heraus verstehen?

Staffan Holm: Was Sie in ''Hamlet'' sehen, bezieht sich überhaupt nicht auf eine skandinavische Tradition. Das bin nur ich. Dieser ''Hamlet'' würde nicht weniger fremd in meiner Heimat wirken. In Skandinavien ist die Konvention psychologisch-realistisch. Es gibt eine Linie von Ibsen und Strindberg zu den amerikanischen Dramatikern wie O'Neill oder Tennessee Williams. Das politisch-philosophische Element im Theater ist weniger wichtig. Wir haben keinen Bertolt Brecht und keinen Heiner Müller gehabt. Klar gesagt: Ich gehe nicht in eine deutsche Tradition hinein. Gewiss, ich bin inspiriert von der deutschen Kultur, ich habe davon mehr gelesen als vielleicht meine Dramaturgen. Aber ich will mich nicht in einen anderen ästhetischen Raum assimilieren als meinem eigenen. Das Theater in Deutschland hat auch viel mit dem Krieg zu tun und der Nazi-Vergangenheit. Hier hat man etwa Probleme mit einem Begriff wie Schönheit und Sensualismus. Weil sie pervertiert wurden. Als Ausländer ist es schwierig, sich in diesen Zusammenhang hineinzubegeben.

Welt am Sonntag: Ihnen fehlt also das, was Thomas Mann ''Leiden an Deutschland'' genannt hat.

Staffan Holm: Ja. Aber das kommt vielleicht. (lacht )

Welt am Sonntag: Reden wir über Ihr Ensemble. Sie haben viele junge neue Gesichter und Fixsterne mit langen Biografien wie Imogen Kogge, Tina Engel, Werner Rehm oder Rainer Bock. Man hat den Eindruck, als würden die auch die Trophäen davontragen.

Staffan Holm: Das ist doch klar, dass die Jungen erst noch eine Position finden wollen. Ich finde es sexy, wenn Schauspieler mit ganz verschiedenen Erfahrungen und Stilen miteinander in Beziehung treten. Das wird sich weiterentwickeln, wohin, weiß ich jetzt noch nicht. Man kann nicht erwarten, dass wir eröffnen und ein Ensemble spielt zusammen wie das der alten Schaubühne.

Welt am Sonntag: Wie viel Zeit geben Sie sich dafür?

Staffan Holm: Es wird nie fertig. Das erfolgt in Stufen. Ich will ein Mehr-Generationen-Theater bei den Schauspielern haben. Wir werden sehen, welcher Schauspieler mit welchem Regisseur gut klarkommt. Und, denken Sie daran, die Schaubühne damals in Berlin war eine geschlossene Gesellschaft. So etwas gibt es nicht mehr. Ich bin da nicht naiv. Heute muss man mit Gästen arbeiten.

Welt am Sonntag: Wie formiert man dann ein Ensemble, wenn die begehrten Namen nebenher Fernsehen machen, Filme drehen und noch woanders auf der Bühne stehen?

Staffan Holm: Ohne gewisse Zugeständnisse kriegt man schwer ältere, reife Schauspieler. Man braucht ein perfekt planendes künstlerisches Betriebsbüro, mit guten Gast-Verträgen. Und braucht - das ist unser Leitwort - Kontinuität.

Welt am Sonntag: Wie wollen Sie das Haus in die Stadt hinein öffnen?

Staffan Holm: Es ist nicht leicht, für Düsseldorf ein Programm zu entwickeln, denn den Großstädten dieser Region fehlt immer das eine oder andere Milieu. Damit auch eine klare Identität und Urbanität. Ich werde immer wieder gefragt: ''Was ist Düsseldorf?'' Ich weiß es noch nicht. Man darf Düsseldorf nicht in seinen engen Stadtgrenzen denken, sondern darüber hinaus, ins Ruhrgebiet, in die Niederlande und nach Belgien. Ich habe meine vier Vorgänger hier zum Problem der Zuschauergewinnung befragt, auch sie hatten während ihrer Intendantenzeit kein Rezept. Uns fehlt beim Publikum die mittlere Generation. Die Jungen gehen ins Theater, weil sie müssen. Und dann gibt es eine scharfe Zäsur, weil die bis Mitte-40-Jährigen mit Karriere und Familie beschäftigt sind. Erst ab 45 ist das Interesse an Theater wieder da. Dann kommen meist Frauen. Die Männer sind auf dem Sportplatz verloren gegangen.

DER SPIEGEL, 31.10.11; Nr. 44/11

Theater – Wir spielen notfalls auf der Baustelle

Der aus Schweden stammende neue Düsseldorfer Theaterchef Staffan Valdemar Holm, 53, über die verzögerte Spielzeiteröffnung mit Shakespeares Hamlet

Fragen von Wolfgang Höbel

SPIEGEL: Herr Holm, warum mussten Sie Ihre „Hamlet“-Premiere um drei Wochen verschieben?

Holm: Die dringend nötige Sanierung des Düsseldorfer Schauspielhaus zog sich länger hin als geplant. Wir proben auf einer Bühne, die immer noch eine Baustelle ist. Und vielleicht auch am Premierenabend noch eine sein wird. Wir haben uns mit den Bauarbeitern darauf geeinigt, dass wir auch dann spielen, wenn sie nicht fertig werden sollten.

SPIEGEL: Sie wurden bekannt als umstrittener, provokanter Theatermacher in Malmö und waren dann sieben Jahre lang Chef des berühmtesten Theaters Skandinaviens, des Dramaten in Stockholm. Was reizt Sie an Düsseldorf?

Holm: Die Freiheit, in einem Theater noch mal von Grund auf neu anzufangen. In Stockholm konnte ich mir kaum aussuchen, mit wem ich arbeiten wollte, das Theater funkioniert wie ein Ministerium. Deswegen mochte ich dort nicht weitermachen. Hier in Düsseldorf kann ich alle künstlerischen Kräfte selber bestimmen. Außerdem gibt es hier ein Publikum und sogar Politiker, die ein phantastisches Interesse am Theater zeigen.

SPIEGEL: Wollen Sie wieder für Streit und Skandal sorgen wie in Ihren wilderen Regisseurszeiten?

Holm: Nein. Das habe ich hinter mir, dafür bin ich jetzt zu alt. Ich habe natürlich nichts dagegen, auch in Düsseldorf Kontroversen heraufzubeschwören wie früher. Ich möchte ganz ernsthaft arbeiten.

SPIEGEL: Ist „Hamlet“ für Sie ein politisches Stück?

Holm: Überhaupt nicht! „Hamlet“ ist kein politisches Drama wie zum Beispiel „Macbeth“. Hamlet ist ein Familiendrama. Der Held ist ein Prinz, der im Lauf des Stücks fünf Tote zu verantworten hat. Warum ist uns dieser Kerl trotzdem sympathisch? Das ist die Frage, die mich interessiert.

www.kulturkenner.de, 26.9.2011

Staffan Valdemar Holm, neuer Intendant des Düsseldorfer Schauspielhauses, im Gespräch

Der Mann hat Nerven und gesunden Pragmatismus. Staffan Valdemar Holm, geboren 1958 im schwedischen Tomelilla, war von 1992 bis 1998 Intendant in Malmö und von 2002 bis 2009 Intendant am Königlichen Dramaten Stockholm. Jetzt ist er der neue Intendant des Düsseldorfer Schauspielhauses. Holm begegnet den Dingen und auch dem Problem, dass das Große Haus am Gründgens-Platz nicht rechtzeitig zur geplanten Eröffnung mit den Sanierungsmaßnahmen und Umbauarbeiten fertig wird, mit Humor. Von Mitte Oktober verschiebt sich das Datum, an dem er als Regisseur mit „Hamlet“ Premiere haben und seine sechsjährige Intendanz eröffnen wollte, auf den 4. November. Zuvor gibt es im Kleinen Haus, wie geplant, die erste Premiere am 16. Oktober: Falk Richter inszeniert eine Bühnenfassung von Michel Houellebecqs jüngstem Roman „Karte und Gebiet“. Die erste Spielzeit Holms bietet 26 neue Produktionen an vier Spielstätten.

von Andreas Wilink

KK: Das Glück des Anfangs ist kein geringes Pfund am Theater. Fürchten Sie um diesen Zauber?

HOLM: Ich fürchte alles und nichts. Aber wenn wir gut sein werden, spielt es keine so große Rolle, dass unsere Auftaktdramaturgie etwas zerstört wird. Schlechte Vorstellungen im Plan sind nicht besser als gute Vorstellungen außer Plan. Andererseits weiß man, dass manchmal für ein Theater der unmittelbare Renommee-Gewinn gar nicht so positiv sein muss. Probleme folgen dann nach der ersten Spielzeit, weil der Anspruch entsprechend hoch ist und vielleicht keine Deckung im Haus selbst hat.

KK: Nehmen wir zum Vergleich Düsseldorf – Malmö, wo Sie in den Neunzigern Intendant waren und scherzten, das Haus vom heimischen Publikum leer gespielt zu haben. Stattdessen zog das Theater Zuschauer aus Stockholm an, das 650 km entfernt liegt, auch aus dem nahen Kopenhagen. Wen wollen Sie in Düsseldorf erreichen? Publikum aus Berlin, Hamburg, Amsterdam, Antwerpen, Paris?

HOLM: Gern. Der große Unterschied liegt darin, dass Deutschland dezentral ist. Schweden nicht, wie fast alle anderen Länder Europas hat es ein Zentrum. In Malmö war es meine Aufgabe, eine Art Operettentheater radikal zu ändern, während eine schwere Finanzkrise Schweden traf und es mit dem multikulturellen Malmö bergab ging. Es gab riesigen Widerstand gegen uns. Die Traditionalisten wollten mich rausschmeißen. Aber man sieht heute dort, was Kultur bewirken kann. Die Stadt wurde tatsächlich verwandelt. Im Nachhinein hat man mich kanonisiert. Hier ist es so, dass ich für unser Konzept zunächst die Düsseldorfer gewinnen will – und die Leute in NRW. Theater ist etwas Lokales. Es steht deutlich in seiner Stadt.

KK: Sie nehmen also den regionalen Anspruch an.

HOLM: Klar. Wir werden zu 50 Prozent vom Land finanziert. Das verstehe ich so, dass das Düsseldorfer Schauspielhaus regionale und überregionale Bedeutung haben sollte. So die Herausforderung. Deshalb auch Projekte wie mit dem Théâtre National de la Colline in Paris für „Tage unter“ von Arne Lygre – in Düsseldorf, Paris und Berlin, koproduziert mit dem Festival „Spielzeit Europa“ der Hauptstadt. Dieses Modell ist eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Für ein Festival allein ist es zu teuer. Und ein Theater wie unseres kann das Weiterleben einer Aufführung garantieren.

KK: Kontinuität ist ein wesentliches Leitwort, auch als Entwicklung für die Folgejahre. Was meinen Sie damit?

HOLM: Denken wir an ein Modell wie die alte Schaubühne. Wir haben sieben Schauspieler aus der Ära Stein, Grüber, Bondy, u.a. Imogen Kogge, Tina Engel und Udo Samel. Egal, wer dort was inszenierte, das Profil Schaubühne war eindeutig. Das lässt sich nicht wiederholen, Schauspieler machen heute Film und Fernsehen und gastieren parallel anderswo usw. Man kann sich nur diesen Prinzipien annähern – als Ambition, ohne zu wissen, wie genau man es bewerkstelligt.

KK: Spüren Sie den Zwang zur Repertoire-Maschine und zum Startheater?

HOLM: Ich bin nicht naiv. Natürlich brauchen wir bekannte Schauspieler, auch weil sie gut sind. Ein Repertoire darf man nicht nur füttern. Sicher, wir produzieren viel, müssen wir auch. Das kann unfokussiert wirken. Und kann horror vacui provozieren, jede Lücke noch mit etwas füllen zu wollen – durch einen Assistenten mit einem übrig gebliebenen Kollegen. Gar nicht gut! Man muss Zusammenhänge herstellen, so dass ein Schauspieler auf etwas aufbauen kann, das er zuvor erreicht hat. Wir werden nicht alles gleich schaffen. Aber wir müssen es wollen. Unser Konzept heißt: Ein bisschen weniger, ein bisschen besser – oder wenn möglich: viel besser.

KK: Internationalisierung ist dezidiert Ihr Programm, aber nicht einfach als Engagement fremder Namen aus anderen Kulturen...

HOLM: Wir machen das ganz unneurotisch. Ohne Quotierung. Unsere leitenden Dramaturgen kommen aus dem Bereich, tätig bei der Kulturhauptstadt Tallinn und den Wiener Festwochen, und haben diese Erfahrungen und Networks. Und Regisseure wie Guillermo Caldéron oder Andrej Mogutschi finden wir einfach gut – und notwendig. Aber ein Motto will ich nicht dafür.

KK: Warum überhaupt Hamlet? Wollen Sie es sich schwer machen?

HOLM: Jedenfalls wollte ich keinen deutschen Klassiker wagen. In Schweden und Dänemark habe ich das gemacht – Schiller. Aber hier? Da müsste ich mehr von der deutschen Aufführungstradition wissen. Wir wollten eine richtig große Eröffnung – „Hamlet“ habe ich schon zweimal inszeniert. Ich fühle mich auch wohl mit Shakespeare. Für „Hamlet“ gibt es nicht nur eine Deutung, eine Lösung. Und das Stück liegt dazwischen – spielt in Dänemark. Also zwischen Deutschland und Schweden.

KK: Wer ist dieser seltsame dänische Prinz, welcher Konflikt in der heillosen Familientragödie interessiert Sie?

HOLM: Das Drama spielt in einem politischen Gebiet, ohne ein politisches Stück zu sein. Wir haben die Hälfte gekürzt, den Krieg mit Norwegen gestrichen usw. Ich konzentriere mich auf die Familiengeschichte, den ethischen Konflikt und die moralischen Verschiebungen in den Sympathien. Der Mörder ist die Hauptperson, juristisch gesehen verantwortlich für sechs Tote. Da kann man nicht drauf antworten: Aber ich hab’ doch einen Geist getroffen. Außerdem ist „Hamlet“ eine Geschichte über das Erzählen, übers Theater selbst auf mehreren Ebenen, berichtet vom überlebenden Horatio.

KK: Reflexion des eigenen Mediums.

HOLM: Hamlet sagt, „Der Schauspieler kann alles ausdrücken, was ich nicht ausdrücken kann“. Doch dadurch drückt er sich selbst aus. Sehr raffiniert. Das erste Wort heißt „Who’s there?“ – für mich der Schlüssel zum Stück. Es meint Identitätsunsicherheit – Wer bin ich und Wer bist Du.


Neue Rhein Zeitung, 12.2.2011

Theater ist Herz und Seele der Stadt

Sie waren zuletzt sieben Jahre lang Intendant des Dramaten, des Königlichen Nationaltheaters in Stockholm. Ist Düsseldorf ein Rückschritt in die Provinz?

Nein, ein Fortschritt. Stockholm, das ist das Burgtheater Skandinaviens. Königlich, schön, aber auch sehr formell, ein bisschen langweilig. Stockholm ist eine schöne Stadt, aber sie liegt auch in der Peripherie. Das merkt man. Deshalb habe ich jetzt auch eine Wohnung in Kopenhagen. Außerdem suche ich natürlich eine in Düsseldorf.

Wie ist Ihr Eindruck von Düsseldorf? Haben Sie schon einen Lieblingsplatz?

Die „Sternschnuppe“. Ein gemütliches Lokal mit gutem Frankenwein und bürgerlicher Küche. Und man kann rauchen.

Und in kultureller Hinsicht?

Im Bereich der Kunst ist Düsseldorf sehr erstaunlich, sehr beeindruckend. Auch in der Musik: der Punkrock, Kraftwerk, DAF, die Toten Hosen, ein bisschen Lena und so weiter. Und die Möglichkeiten des Düsseldorfer Schauspielhauses sind großartig. Das Central ist sicherlich die beste Probebühne der Welt.

Wie bewerten Sie das Image des Theaters?

Das Schauspielhaus hier hat eine eindrucksvolle Geschichte und zählt zu den großen Bühnen Deutschlands.

Als ihre Vorgängerin Amélie Niermeyer in Düsseldorf startete, heftete sie das Etikett „neu“ an die Schauspielhaus-Fassade. Sehr plakativ, sehr demonstrativ. Wie signalisieren Sie, dass eine neue Zeit anbricht?

Man muss natürlich Signale schicken. Aber ein Theater baut man von innen auf, von den Menschen her. Wir werden an einer neuen Kontinuität arbeiten. Wir haben überall in Deutschland gesucht und haben uns für drei neue Hausregisseure entschieden: Falk Richter, Nora Schlocker und Nurkan Erpulat. Sie sind jung, aber wirkliche Talente. Alle wollen sie haben, wir haben sie bekommen. Die Drei werden für zwei, drei Jahre fest ans Haus gebunden.

Was macht gutes Theater aus?

Das werde ich selbst definieren, aber nicht verbal. Es ist ein Privilegium, hier spielen zu dürfen. Wir müssen das also ernst nehmen. Schlapp und schlampig, lahme Mittelmäßigkeit, das ist furchtbar. Ich habe keine Probleme mit Mainstream, aber es muss intelligente Unterhaltung sein. Humor hat immer etwas mit Intelligenz zu tun. Nur mit Musicals habe ich Schwierigkeiten - dieses unerträgliche Singen! Aber ich bin ein großer Gand-Prix-Fan. Das sehe ich mir jedes Jahr an. Da kann man viel lernen über europäische Politik und wie man glaubt, über Punkteverteilung Konflikte ausgleichen zu können.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie einen Geist in Düsseldorf schaffen wollen, einen Wiedererkennungswert, eine Art Marke...

Eine besondere Qualität. Eine Handschrift. Das wäre wunderbar. Und dafür muss man in verschiedenen Richtungen suchen. Das ist wie auf einem Ozean, man sucht, und irgendwann trifft man auf ein neues Amerika.

Viele Bühnen sind von der Schließung bedroht. Warum muss es Theater geben?

Wenn man ein Theater schließt, reißt man das Herz und die Seele der Stadt heraus. In unserer Gesellschaft ist es heute wichtig, einen Ort zu haben, an dem man zusammen mit den Schauspielern erzählt und reflektiert: über Politik und Existenz. Wir brauchen gerade im Computerzeitalter einen Platz für wirkliche Begegnungen und Live-Kunst.

Wie sieht die Zukunft des Jugendtheaters aus?

Es gibt ein gemeinsames Ensemble, wobei einige Schauspieler mehr Jugendtheater machen werden als andere. Es war der Wunsch von Barbara Kantel, die es leiten wird, dass da ein Austausch besteht. Wir sehen das als Aufwertung des Jungen Schauspielhauses. Es gibt ohnehin Generationskonflikte in der Gesellschaft. Da wollen wir nicht neue Mauern zwischen Jung und Alt ziehen.

Wie ist Ihr Verhältnis zur deutschen Literatur?

Ich bin früh damit in Berührung gekommen, habe schon in der Schule Deutsch gelernt. Ich habe immer deutsche Klassiker gelesen, ein besonders starkes Verhältnis habe ich zur Romantik: Schiller, Lessing, Goethe, Kleist, Novalis. Hölderlin habe ich etwa zu meiner Militärzeit gelesen, er war für mich ein Trost. Auch ETA Hoffmann hat mich sehr interessiert. Ich bin konservativ. Zeitgenössische Literatur kenne ich kaum, das ist meine Schwäche. Das hört auf bei Botho Strauß, Heiner Müller und Thomas Bernhard. Aber ich habe Marius von Mayenburgs „Das kalte Kind“ inszeniert.

Was fasziniert Sie denn an der deutschen Literatur? Und was macht sie aus?

Sie hat einen bestimmten persönlichen Ton. Eine Notwendigkeit, eine Schönheit, aber auch eine bestimmte Schärfe.

Werden Sie deshalb für die Klassiker zuständig sein?

I have to do the dirty work! (lacht) Aber mal im Ernst. Die Menschen wollen die Klassiker sehen. Entscheidend ist, wie man damit umgeht.

Und die Zeitgenossen?

Wir werden mindestens drei deutsche Uraufführungen pro Spielzeit haben.

Ist das politische Theater Ihr Schwerpunkt?

Ja. Aber nicht plakativ. Bei Themen wie Globalisierung oder Neo-Liberalismus geht es viel mehr um die emotionalen Konsequenzen. Falk Richter, Nora Schlocker und Nurkan Erpulat stehen für gesellschaftliche Reflexion und Aktualität - im Idealfall hat das politische Relevanz. Und dazu komme ich mit meinen klassischen Inszenierungen. Shakespeare ist dabei meine Nummer eins. Ich habe - als Schwede - auch viel Strindberg inszeniert. Außerdem häufig Schiller.

Sie sind ein Regie führender Intendant. Ist diese Doppelrolle zu schaffen?

Auf jeden Fall. Ich bin daran gewöhnt, ich habe das 13 Jahre lang so gemacht. Für mich ist es eine gute Möglichkeit, alle Mitarbeiter im Prozess kennenzulernen. Ich bin zwar der Kopf, aber wir arbeiten im Team. Das zeigt sich auch daran, dass wir mit Almut Wagner und Stefan Schmidtke zwei leitende Dramaturgen engagiert haben.

Das Düsseldorfer Publikum hat den Ruf, schwierig zu sein…

Das müssen wir untersuchen: Wer kommt zu uns? Viel wichtiger ist: Wer bleibt zu Hause? Schließlich haben ja alle irgendwie schon bezahlt, als Steuerzahler. Das Theater muss auf die Leute zugehen, sie ansprechen. Wir müssen mit den Hemmschwellen rechnen. Und das ist eine harte, tägliche Arbeit.