Puppen
Repertoire, Deutsche Erstaufführung
Dauer: 1 Stunde, 45 Minuten - keine Pause
- Ingo Tomi / Der Klandestino
- Rainer Galke / Der Fleischer, der hinter der Auslage steht auch ohne Fleisch
- Elena Schmidt / Die Frisörin
- Karin Pfammatter / Die Frau, die vom Schwindel überfallen wird
- Markus Danzeisen / Der Chor, der die Arbeit abschafft
- Stefan Schneider / Fotografie, Musik & Vortrag
- Kai Angermann / Musiker
- Eva Bisanz / Musiker
- Daniel Brandl / Musiker
- Alexander Dressler / Musiker
- Ina Goelzenleuchter / Musiker
- Hauschka / Musiker
- Holger Heines / Musiker
- Sabine Rau / Musiker
- Zdzislaw Ryczko / Musiker
- Sonia Singel-Roemer / Musiker
- Jutta Zimmermann
- Egbert Trogemann
- Stefan Schneider / Musik, Fotografie
- Hauschka / Komposition
- Daniel Richter / Dramaturgie
„ja, das kenne ich das gefühl. wenn man puppen von den strippen löst: sie zappeln noch ein wenig, bevor sie zusammensacken. diese energie muss sich doch irgendwie bündeln lassen. es ist eine negative energie, eine fallhöhe, ein hinunterplumpsen, überhaupt nicht graziös, ein zusammenbruch. aber dennoch: ein moment der klarheit, wenn einen die gravitation nach unten zieht. das muss sich doch verwandeln lassen.“ (Zitat aus Puppen)
Puppen handelt in einer Zeit des Zerfalls. Liebe, Arbeit, Sprache zerfallen. Menschen versuchen noch über leer gewordene Tauschbegriffe zu kommunizieren, offenbaren ihre Zweifel, entlassen ihre Alpträume, kollektives Unbewusstes schwappt bruchstückartig an die Oberfläche. Angesichts des nahenden Zusammenbruchs kann nur die restlose Offenlegung der Schwächen etwas Neues hervorbringen.
In neun Szenen entwirft der Autor einen absurd-traumwandlerischen, polyphonen Stimmkörper, in dem neben dem Klandestino die Frau, die vom Schwindel überfallen wird, die Frisörin, der Fleischer, der hinter der Auslage steht auch ohne Fleisch, und der Chor, der die Arbeit abschafft, auftreten. Das Leben erscheint als urbane Kampfzone, in der Effizienzkonstruktionen, Warenverkehr und Konsenspolitik zusammenbrechen.
Gemeinsam mit dem Pianisten und Komponisten Hauschka und dem Fotografen und Musiker Stefan Schneider wird Kevin Rittberger auf originäre Weise Musiktheater, poetisches Labyrinth und Fotografie verbinden.
Es sind hermetische Szenen, die sich da entwickeln. Manche sind komisch, weil das glänzende Ensemble Sinn dafür hat, alle schmecken bitter. Diffus ist von Zersetzung, Entleerung die Rede, wird mit manischer Ausführlichkeit über Nichtiges gesprochen, wie die Zubereitung von Senfkörnern für die Wurst. Dabei ist die Krise in diesem Stück doch schon eingetreten. Doch die Rituale eines gegen die Menschen gerichteten Systems hat sie noch nicht hinweg gefegt. Darum ist die Apokalypse so wenig zu fassen wie der Sinn der Episoden, in denen man sich nur an Sätze klammen kann, an kluge Splitter. Manchmal klingt das wie Brecht. Aber so, als sei eines seiner Lehrstücke zu Bruch gegangen und nicht wieder gekittet worden. Man fühlt sich darum nicht belehrt, nicht bevormundet, dafür der Sinnlosigkeit ausgesetzt. RP, 17.12.11
In seiner Regie am Düsseldorfer Schauspielhaus verzichtet Rittberger auf jegliche zeitliche oder räumliche Verortungen: Bis auf mobile Bühnenelemente – mit roten, weißen, schwarzen Tüchern verhüllte, fahrbare Rechtecke – setzt er neben seinem ungemein starken Ensemble auf die (insbesondere für ein kleines Haus) beeindruckende Weite des leeren schwarzen Raums, schafft hier und dort Akzente mit gelbem Scheinwerferlicht – und erzeugt jene bereits im Aufbau des Textes selbst angelegte, traumartige Atmosphäre vor allem durch die musikalische Weiterdichtung der anfänglich aufgeführten Ouvertüre Hauschkas durch den an Synthesizern und Effektgeräten auf der Bühne agierenden Stefan Schneider. Schneider denkt die Musik Hauschkas mit seinen eigenen Mitteln fort, reduziert die dichte Komposition zunehmend auf ihren Kern – eine spannende musikalische Entsprechung für die sich langsam breitmachende Leere, die die Figuren in "Puppen" zu verschlingen droht. nachtkritik.de, 16.12.2011
Das Stück ist kurz, 42 bedruckte Seiten. Macht nichts, dann werden eben eine Ouvertüre vor- und ein Foto-Essay angehängt. Theater im Sandwich: Düsseldorfer Künstler mit an Bord nehmen, heißt am Schauspielhaus die neue Devise. Und fertig ist das Triptychon: eine "musiktheatralische Installation". Eine Cellistin setzt sich als Erste ans Pult, ein Trommler tritt aus der Gasse, eine Posaunistin pustet durchs Auditorium. Zehn Musiker insgesamt, Pianist und Vibraphonist, Streicher und Bläser, die eine schostakowitzig aufgekratzte Minimal Music des Komponisten Volker Bertelmann aufführen, zehn, fünfzehn Minuten lang. Ganz vergnüglich, mehr Einstimmung als Stimmung. FAZ, 17.12.11
Was an dem Abend fasziniert, ist die Bereitschaft des Autors, den eigenen Text in ein ästhetisches Bezugsnetz mit drei gleichwertigen Teilen zu stellen. Ouvertüre und Stück werden schließlich durch einen Vortrag von Stefan Schneider mit Videobildern aus Düsseldorf in der Tradition der amerikanischen New Topographic-Fotografen am Ende sogar zum Triptychon erweitert und kommentieren sich so am Abend immer wieder gegenseitig. Sehenswert. www.die-deutsche-buehne.de, 19.12.11
Klar, der Fleischer, der die Bühne betritt, ist eine Chiffre. Er folgt den Mechanismen des Kapitalismus ohne Sinn und Verstand. Und ohne Fleisch. Doch was bleibt vom Kapitalismus ohne Ware? WZ, 17.12.11
Die Hoffnung setzt sich im letzten Teil des „Puppen“-Triptychons fort. Stefan Schneider präsentiert auf einer Großleinwand statische Filmaufnahmen von Düsseldorfer Stadtlandschaften. Auf den Bildern begegnen die Zuschauer den Figuren des Stücks. Sie balancieren übers Gleis oder streifen über Wiesen als wären sie mit der Welt im Reinen. Schneider fügt minutiöse Beschreibungen hinzu, die er selbst vorträgt. Er animiert dazu genau zu betrachten, um zu erkennen was überhaupt da ist und was damit zu tun wäre in einer neuen Welt. Und genau das macht die Stärke von „Puppen“ aus. Im Gestus des „Happenings“ macht Rittberger zunächst einmal tabula rasa mit der jetzigen Gesellschaftsordnung. Doch verharrt nicht im Destruktiven, lässt den Zuschauer nicht ratlos zurück. Vielmehr bezieht er ihn ein, indem er ihn dazu anregt, über bessere Lebenswelten nachzudenken. WDR 3, Mosaik, 19.12.2011
Biograph 12/2011
Leni Peickert kauft sich einen Elefanten
Gespräch mit Kevin Rittberger, dem Regisseur und Autor des Stücks Puppen – Eine musiktheatralische Installation in Zusammenarbeit mit Hauschka und Stefan Schneider. Deutsche Erstaufführung am 15. Dezember 2011 am Düsseldorfer Schauspielhaus
Frage: Man liest derzeit überall Deinen Namen. Wie geht man als junger Regisseur mit Erfolg um?
Kevin Rittberger: Erfolg ist, dass ich einen kleinen Sohn habe. Das macht mich glücklich. Beruflich gesehen kann das heißen, dass man mir weniger reinreden kann in meine Arbeit, in das, was ich verfolge. Und dass man dann auch die Möglichkeit hat, ungewöhnliche und eigensinnige Projekte zu machen. Wenn der Erfolg dazu führt, dass sich Routine einschleicht oder man beginnt, sich zu wiederholen, höre ich lieber auf.
Mit Puppen ist erstmals ein Stück von Dir in Düsseldorf zu sehen. Spielt der Titel auf Heinrich von Kleists Marionettentheater an? Ist Kleist ein Ausgangspunkt für Dich?
Kleist versuchte zeitlebens, einmal um die Welt zu stolpern und zu rasen und zu hoffen, dass er das Paradies dann noch im Rahmen der Öffnungszeiten vorfindet. Und falls es geschlossen hätte – wovon auszugehen ist – eine Vorrichtung zu erfinden, die den Menschen die ganze Schwere von den Schultern nimmt. Kleist nennt den gewünschten Effekt „anti-grav“. Damit kann ich sehr viel anfangen.
Worum geht es in Puppen?
Seit langem inszeniere ich wieder einen eigenen Text. Als ich ihn vor drei Jahren schrieb, war dieser Zusammenbruch der alten Ordnung, den wir heute erleben, noch nicht eingetreten. Ich war in Ägypten vor der Revolution, in London vor den Riots - überall konnte man diese dicke Luft spüren, den Zerfall der Herrschaftsverhältnisse. Das habe ich in Puppen verarbeitet - auf eine gewisse Weise war das vorausahnend, wenn man so will. Die Immobilienkrise, die eine Kapitalismuskrise, vielleicht sogar inzwischen eine Demokratiekrise geworden ist, das steckt in Puppen. Der Text besteht eher aus Fragmenten, Splittern und folgt der Logik des Traums, Kausaliät gilt hier nicht. Wenn man nach einem Traum aufwacht ist da dieses Staunen - diese Erfahrung wünsche ich mir für die Zuschauer. So ist der Text angelegt. Bei den Proben entwickle ich weitere Traumbilder für diese zusammenbrechende Welt. Das hört sich jetzt furchtbar traurig und düster an. Aber darin steckt auch ein grotesker, anarchischer Humor.
Ist Puppen nur als Komödie denkbar?
Als Groteske. Und ja, das Zwerchfell sollte ein zuverlässiger Partner sein, wenn es unerträglich wird.
Zwei Deiner vier Figuren gehen altmodischen Berufen wie Fleischer und Friseur nach, während die anderen beiden eher symbolische (Arbeits-) Biografien besitzen. Was verbindet diese zwei Ebenen?
Fleischer und Friseurin sind hier Chiffren, die gleich erkannt werden, aber nicht mehr identifiziert werden können. Der eine hat kein Fleisch mehr zu verkaufen, die andere kann gar keine Haare schneiden. Wir haben es mit bloßen Worthülsen zu tun, die neu gefüllt werden wollen. Die Figur Klandestino und die schwindelnde Frau entwickeln dagegen schon dauerhafte Strategien gegen stetig wachsende Instabilitäten. Entfremdung, Fragmentierung, Prekarisierung, Verlust von Vertrauen in Arbeit, Menschenwürde und Gesellschaft sind wichtige Punkte. Für mich stellt sich das Ganze als ein reichlich absurdes und unzusammenhängendes Verhältnis dar, in dem sich keiner noch über Arbeit definieren kann. Wer will sie bewerten, die „Arbeit“? Das Wort wird doch meistens rein ideologisch verwendet, damit nicht alle den Kopf in den Sand stecken. Ich kann das derzeit gar nicht sagen, was Fragment ist und was heil, im Sinne einer „altmodischen“, funktionierenden Biografie. Der Text ist nicht zu Ende erzählt - deswegen habe ich zwei Lokalmatadore, Hauschka und Stefan Schneider eingeladen, mit mir diese Geschichte fortzuschreiben. Hauschka komponiert eine Ouvertüre für zehn Musiker, die live auf der Bühne spielen werden, Schneider wird eine weitere musikalische und auch eine visuelle Ebene dazu erfinden. Deswegen nennen wir das Ganze eine Installation, weil verschiedene Künste nebeneinander stehen.
Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Hauschka und Stefan Schneider?
Mit Hauschka habe ich bereits in Frankfurt bei der Marquise von O. gearbeitet. Ich kenne ihn von einem frühen Konzert in Hamburg, da war ich einer von 30 glücklichen Besuchern. Das ist sehr lange her. Inzwischen ist er ja sehr anerkannt und tourt international. Schneider habe ich auch in Hamburg kennengelernt und durch Konzerte im Berliner Babylon und der Volksbühne. Die Ebene der visuellen Kunst, Schneider ist Becher-Schüler, finde ich unglaublich inspirierend für meine Arbeit.
Ist es einfach, seine eigenen Stücke zu inszenieren?
Einfach sicher nicht. Es ist eine Entwicklung: Am Anfang habe ich mit mir als Autor gehadert. Früher sind meine Texte oft noch während der Proben entstanden, auch gemeinsam mit den Schauspielern entwickelt. Das kann sehr beglückend sein, wenn alle sich darauf einlassen. Puppen ist viel geschlossener - aus dem Bauch heraus, mit viel Gefühl, weniger durchkonstruiert.
Woher kommt Deine Alexander-Kluge-Obsession? Seid Ihr Euch bereits begegnet?
Schon oft. Es war eine langsame Annäherung. Seine Texte kenne ich bereits aus dem Germanistik-Studium. In meiner Magisterarbeit ging es um ihn. Ich habe dann sehr früh mit Texten von ihm gearbeitet, viel ausprobiert. Inzwischen gibt es vier Kluge-Abende von mir. Er ist offen und berät mich, empfiehlt Texte oder sagt auch, was nicht gut ist. Aber er gewährt mir völlige Autonomie, ermutigt mich, seine Sachen für die Bühne spielbar zu machen, Texte umzustellen. Er ist überhaupt nicht an Werktreue interessiert. Bei meiner jüngsten Premiere am Münchner Residenztheater kam er am Ende der Vorstellung zum Applaus mit auf die Bühne, drückte die Schauspieler, offensichtlich ganz gerührt. Einmal war er auch in Hamburg bei einer laufenden Vorstellung, sprach nach dem Applaus zum Publikum. Am selben Tag hatte er bereits mit Darstellern des Abends Sequenzen für einen neuen Film gedreht.
Was verbindet Euch inhaltlich?
Alexander Kluge hat in den 70ern einen großartigen Aufsatz geschrieben: „Die schärfste Ideologie: Dass sich die Realität auf ihren realistischen Charakter beruft.“ Kluge sagt: Es findet noch anderes statt als das, was Menschen, die nur herumspazieren, für realistisch und naiv (da unrealistisch) halten. Es geht ihm um eine artistische Gegenbewegung. Er nennt diese „subkutan“, unter der Haut, meint damit aber keine Vorstufe der Gänsehaut, die man dem Zuschauer über psychologisches Spiel zu entlocken sucht, sondern wirkliche Ströme, die unter der Realität weiterfließen. Sie sind geduldig, haben Zeit, machen auch mal Winterschlaf. Aber sie zu verleugnen wäre grotesk. Daran scheitert auch eine Genrebezeichnung. Was ist eine Groteske? Wähle ich die Dokumentation oder die Fiktion? Kluge hat hier einen Dialog hergestellt. In seinem großartigen Film Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos kauft sich Leni Peickert einen Elefanten. Sie will den Zirkus verändern. Das spannendste Programm ist aber das, das sie nicht verwirklichen kann. Es geht ihr um den Möglichkeitssinn. Wenn sie nur sagen würde: Der Elefant hat gelernt, Männchen zu machen und das wollen die Zuschauer sehen, wäre alles aus.
Die Fragen stellte Felix Schnieder-Henninger
- Premiere
15. Dezember, 19.30 Uhr
- 23. Mai, 19.30 Uhr
- 16. Juni, 19.30 Uhr
- 20. Juni, 19.30 Uhr
- 9. Mai, 19.30 Uhr
- 18. April, 19.30 Uhr
- 14. April, 19.30 Uhr
- 27. März, 19.30 Uhr
- 9. März, 19.30 Uhr
- 13. Februar, 19.30 Uhr
- 1. Februar, 19.30 Uhr
- 26. Januar, 19.30 Uhr
- 25. Januar, 19.30 Uhr
- 16. Januar, 19.30 Uhr
- 15. Januar, 19.30 Uhr
- 7. Januar, 19.30 Uhr
- 6. Januar, 19.30 Uhr
- 29. Dezember, 19.30 Uhr
- 22. Dezember, 19.30 Uhr
- 20. Dezember, 19.30 Uhr
- 19. Dezember, 19.30 Uhr
- 16. Dezember, 19.30 Uhr
- 15. Dezember, 19.30 Uhr








