Herr Kolpert
Repertoire
Dauer: 1 Stunde, 45 Minuten - keine Pause
- Christoph Schechinger / Ralf Droht
- Stefanie Rösner / Sarah Dreher
- Philipp Denzel / Bastian Mole
- Sesede Terziyan / Edith Mole
- Marian Kindermann / Pizzamann
- Philip Thalmann

Ralf ist Wissenschaftler, er erforscht das Chaos. Seine Freundin Sarah arbeitet in einer trübsinnigen Verwaltung. Dort gibt es einen Chef, einen Herrn Kolpert. Doch dazu später. Heute empfangen die Beiden Gäste: Mit «Hereinspaziert. Hier ist sonst nur noch eine Leiche», heißen Sarah und Ralf Arbeitskollegin Edith und deren Mann Bastian willkommen. Ja, wohl ein blöder Scherz? Doch was ist das für ein Klopfen, das plötzlich aus der Truhe kommt? Ob es sich dabei um Holzwürmer handelt, wie Ralf beschwichtigt, wo Herr Kolpert steckt, nach dessen Verbleib man sich erkundigt, was ein Leben generell zählt – und was ein Pizzalieferant mit dem mysteriösen Treiben zu tun hat, das erzählt David Gieselmanns rabenschwarze Komödie in scharfem Dialogwitz. Sein Stück ist mittlerweile eine Art Klassiker unter den zeitgenössischen Komödien. Zehn Jahre nach dessen Uraufführung sowie einigen Revolutionen und Katastrophen mehr, die die Welt gesehen hat, setzt der junge Regisseur Nurkan Erpulat in seiner Inszenierung bewusst auf eine humorvoll geführte Verunsicherung des vom Überdruss geplagten «mitteleuropäischen Individuums».
David Gieselmann, geboren 1972, studierte Szenisches Schreiben in Berlin. Herr Kolpert wurde in London uraufgeführt und später an zahlreichen deutschen Bühnen, wie auch in Skandinavien, Italien, Griechenland, Frankreich, Polen, Australien und in den USA nachgespielt.
In der mit Tempo inszenierten bösen Komödie, die tief in die Kiste des Boulevardtheaters greift, geht es um zwei Paare, die einen unterhaltsamen Abend miteinander verbringen wollen. Das Timing der Darsteller stimmt. In peinlichen Sprechpausen zeigt sich die Sprachlosigkeit dieser Protagonisten. Der Regisseur führt plakativ vor, dass vermeintliche Richtigdenker sich genauso gegen Neonazis, Kinderschänder und „Alkis“ richten wie gegen Araber, Alleinerziehende und Rentner. Es dauert nicht mehr lang, bis dann Blut fließt und Häuser fallen. WZ, 23.1.12
Sesede Terziyan mit zitternder Unterlippe, ein blutiges Messer in der Hand – das ist ein Bild, das einem wohl länger im Gedächtnis haften wird. Oder Marian Kindermann, der als schlaksiger Pizzalieferant völlig schuldlos in die schon brutalisierte Atmosphäre hineingerät. Aber auch Christoph Schechinger und Stefanie Rösner als aasig unverbindliches Gastgeberpaar und Philipp Denzel als verstocktsteifer Ehemann haben ihre Szenen: „Herr Kolpert“ ist eben auch Schauspielerfutter. nachtkritik.de, 21.1.12
Schräg ist alles: die Bühne, das blaugrüne Sofa, die riesige Schrankwand, die aus heiterem Himmel herunterklappt. In Slapstick-Manier fallen aus zahlreichen Türen allerlei Überraschungen: Bade-Klo, Gartenzwerge und Bücherwand. Und irgendwann klappt aus einer Klappe auch die Leiche. NRZ, 23.1.12
Bei Gieselmann ziehen sich die überlebenden Figuren am Ende nackt aus und fühlen sich gereinigt. Bei Erpulat säubern sie Düsseldorf und sprengen es in die Luft. Die gute Nachricht: Das Schauspielhaus steht noch. nachtkritik.de
biograph, 02/12
Mit Gewalt zum Glück zwingen
Regisseur Nurkan Erpulat im Gespräch über brennende Menschen, Kopftücher und Medienmechanismen. Am 20. Januar 2012 hatte seine Inszenierung von Herr Kolpert im Kleinen Haus Premiere.
Die Deutschen sind nicht gerade berühmt für ihren Humor, zumindest nicht ihren freiwilligen. Was reizt Sie an einer deutschen Boulevardkomödie?
Nurkan Erpulat: Ich denke, nein, ich weiß: Das Klischee von den humorlosen Deutschen
stimmt nicht. Und Herr Kolpert ist auch keine Boulevardkomödie. Man könnte es als boulevardeskes Stück bezeichnen. Es benutzt Elemente des Boulevard, aber letztendlich stellt Kolpert sehr ernste Fragen z. B. nach dem Einfluß der Medien und dem Sinn des Lebens. Der reine Boulevard bestätigt die bestehende Ordnung, schmerzt nicht und entlässt sein Publikum befriedigt. Das alles trifft bei Herr Kolpert nicht zu.
Was ist Ihr Regiekonzept für Herr Kolpert?
Ich will nicht zu viel verraten. Zwei Menschen begehen aus Langeweile einen Mord. Beide gelten als vorbildliche Bürger. Was mich daran interessiert, ist der Begriff der «politischen Korrektheit» und seine Wirkungsmechanismen. Wie weit soll man für seine Überzeugungen gehen? Wo hört die Korrektheit auf und wo beginnt die Gewalt? Darf ich Menschen zu ihrem Glück auch zwingen? Ein Mann trennt
seinen Müll nicht, wie gehe ich gegen ihn vor? Eine Frau, die ein Kopftuch trägt, kann nicht frei sein. Ich will sie zwingen, einen Tag ohne Kopftuch in Freiheit zu leben. Dann soll sie selbst entscheiden, wie sie leben möchte. Denken nicht viele so?
Bisher haben Sie viel für freie Spielstätten gearbeitet – aber Sie scheint es zum Stadttheater zu ziehen?
Beides hat sein Für und Wider. In der freien Szene herrscht ein Mangel an Vielem, aber man trifft auf Menschen, die für ihre Sache brennen. In einem gewissen Rahmen ist sehr viel möglich. Im Stadttheater gibt es viele Mittel, aber auch viele Regeln. Ich möchte das eine wie das andere nicht missen. Ich will einmal einen Hamlet machen und den ganzen Apparat auskosten: Drehbühne, künstlicher Regen und Schnee, ein großes Ensemble. Aber es macht auch Spaß, auf totales Risiko
zu setzen oder mit bestimmten Beschränkungen umzugehen. Ich glaube, in der Freien Szene kann man viel radikaler produzieren, vielleicht sogar viel politischer. Im Stadttheater muss man gewisse Rücksichten nehmen – das hat mit der Erwartungshaltung und dem jeweiligen Publikum zu tun. Wobei ich im speziellen Düsseldorfer Fall sogar denke, dass mein Intendant Staffan Valdemar Holm gute radikale Ideen jederzeit unterstützen würde.
Für die Ruhrtriennale haben Sie Das Schloss inszeniert – Warum war Ihnen die Auseinandersetzung mit Kafka wichtig?
Das war ein Auftragswerk. Intendant Willy Decker hatte mir den Stoff angeboten und ich fand das sehr interessant. Im Schloss wird der erste moderne Mensch beschrieben. Die Figur K. ist ein wenig wie Kafka selbst: zerrissen zwischen einerseits Sesshaftigkeit, Familiengründung, Geborgenheit und andererseits Abenteuer, Abwechslung, Rastlosigkeit. K. hat beides in sich, denn das Gefühl der
Geborgenheit kann schnell kippen in Phlegma und Langeweile. Das ist mir nicht unbekannt. K. hält sich die Dinge offen, legt sich nicht schnell fest. Das ist sehr aktuell. Einmal wird er als Landstreicher verhöhnt. Er erwidert: «Ich bin ja Landvermesser.»
Hatten Sie jemals das Gefühl, vom Erfolg überwältigt zu sein? Wie behält man die Kontrolle?
Zur ersten Frage: nein. Zur zweiten: mit Arbeit. Erfolg ist relativ. Ich empfinde das gar nicht so wie manche Leute es scheinbar von außen wahrnehmen. Ich habe keinen Stalker, keine Groupies und es gab noch keine Anrufe aus Hollywood oder von der Shakepeare Company. Aus meiner Sicht ist alles viel normaler. Wenn ich kein Türke wäre, wäre es noch anders gelaufen. Ich wundere mich über diesen medialen Schneeballeffekt. Da schreibt einer vom anderen ab und legt jeweils noch eine Übertreibungsstufe zu. Nur als Beispiel: Da wird aus der «begabteste Regisseur des Jahres» der «begabteste Regisseur des Jahrzehnts» und daraus der «begabteste Regisseur des Jahrhunderts».
Was und wo sind Ihre nächsten Projekte bzw. Premieren?
Nach Kolpert mache ich am Wiener Volkstheater Gorkis Kinder der Sonne, Premiere ist am 27. April. Danach erlaube ich mir eine kreative Atempause. Ich nutze den Sommer, um über die nächsten Stücke und Projekte nachzudenken. Auf jeden Fall werde ich mich stark auf meine Arbeit am Düsseldorfer Schauspielhaus konzentrieren und meine Rolle hier als Hausregisseur.
Die Fragen stellte Felix Schnieder-Henninger
- Premiere
20. Januar, 19.30 Uhr
- 1. Juli, 19.30 Uhr
- 8. Mai, 19.30 Uhr
- 21. März, 19.30 Uhr
- 14. Februar, 19.30 Uhr
- 3. Februar, 19.30 Uhr
- 2. Februar, 19.30 Uhr
- 1. Dezember, 19.30 Uhr
- 30. November, 19.30 Uhr
- 22. November, 19.30 Uhr
- 31. Oktober, 19.30 Uhr
- 18. Oktober, 19.30 Uhr
- 28. September, 19.30 Uhr
- 16. September, 19.30 Uhr
- 1. Juli, 19.30 Uhr
- 28. Juni, 19.30 Uhr
- 19. Juni, 19.30 Uhr
- 18. Juni, 19.30 Uhr
- 29. Mai, 19.30 Uhr
- 20. Mai, 19.30 Uhr
- 14. Mai, 19.30 Uhr
- 8. Mai, 19.30 Uhr
- 28. April, 19.30 Uhr
- 24. April, 19.30 Uhr
- 20. April, 19.30 Uhr
- 12. April, 19.30 Uhr
- 30. März, 19.30 Uhr
- 26. März, 19.30 Uhr
- 19. März, 19.30 Uhr
- 13. März, 19.30 Uhr
- 26. Februar, 19.30 Uhr
- 3. Februar, 19.30 Uhr
- 29. Januar, 19.30 Uhr
- 24. Januar, 19.30 Uhr
- 21. Januar, 19.30 Uhr
- 20. Januar, 19.30 Uhr












