Hamlet
Aus dem Englischen von Werner Buhss / In einer Bearbeitung von Staffan Valdemar Holm
Repertoire
Dauer: 3 Stunden, 15 Minuten - 1 Pause
- Rainer Bock / Geist von Hamlets Vater, Claudius (König von Dänemark)
- Imogen Kogge / Gertrude (Königin von Dänemark)
- Aleksandar Radenković / Hamlet (Prinz von Dänemark)
- Markus Danzeisen / Horatio
- Sven Walser / Polonius
- Taner Sahintürk / Laertes
- Lea Draeger / Ophelia
- Marianne Hoika / Rosenkranz / 2. Schauspieler / 1. Matrose / 2. Bote / 1. Clown / Osric 2
- Winfried Küppers / Güldenstern / 1. Schauspieler / 2. Matrose / 1. Bote / 2. Clown / Osric 1


Hamlet kehrt nach Dänemark zurück und findet sich in einer verkehrten Welt wieder: der Vater tot, die Mutter mit dem Onkel verheiratet, der Friede Maskerade. Der Geist des getöteten Vaters zwingt Hamlet aus der Resignation in die Tat.
Die Geschichte ist tausendmal erzählt: Hamlet, Prinz von Dänemark, kehrt nach Hause zurück, aber nichts ist wie es war. Der König tot, die Mutter mit dem Onkel neu verheiratet, der Friede Maskerade. Der Geist seines getöteten Vaters, ein Ruf aus der Geschichte, zwingt Hamlet zur Entscheidung: Soll er resignieren, sich den neuen Regeln ergeben, oder soll er handeln, den Fall neu aufrollen und einen Strudel aus Gewalt und Gegengewalt auslösen? Brudermord, Muttermord, Selbstmord, Mord aus Rache, Gier, politischem Kalkül oder Angst: Fast alle Figuren in Hamlet sterben und keine stirbt eines natürlichen Todes. In den Abgrund der Geschichte des Tötens geworfen, ist für Hamlet nichts mehr natürlich. Er beginnt ein Spiel zu spielen, in dem er gleichzeitig Regisseur und Schauspieler ist. Hamlets Denken ist ein Denken gegen die Zeit dieses Spiels. Gibt es einen Ausweg oder gilt längst: rien ne va plus?
Hamlet, Shakespeares elisabethanische Orestie, ist vielleicht deshalb eine Urszene des modernen Theaters, weil die großen Fragen nach dem Sinn hier körperlich werden. In Hamlet treten Menschen auf, verletzlich und brutal, ängstlich und berechnend, spielend und schön. Als Tragödie über das Theater der Wirklichkeit findet die Erzählung von Hamlet, dem Prinzen von Dänemark, so noch lange nicht ihr Ende.
Staffan Valdemar Holm, ist ab der Spielzeit 2011/2012 Generalintendant des Düsseldorfer Schauspielhauses. Hamlet begleitet den Regisseur, der zuletzt Intendant in Stockholm war, schon lange: bereits zwei Mal hat er Hamlet auf die Bühne gebracht. Zur Eröffnung des Düsseldorfer Schauspielhauses kehrt er zu diesem Stoff zurück, auch, weil Hamlet an den Grundfragen der eigenen Arbeit rührt: der Suche nach Wahrhaftigkeit mit den Mitteln der Illusion.
Er: ein Bürscherl von unendlicher Pubertät, der in der Schnodder-Übersetzung von Werner Buhss ("Schmeiß dein Nachtgesicht weg!") Sein wie Nichtsein leicht pampig durchnölt. Sie: ein Girlie von gehemmter Hysterie, die durch den goldfaulen Staat Dänemark, der hier nur eine Dekoration ist, auf hohen Absätzen stakst wie eine einsame Störchin. Der Raum: ein goldenes Gefängnis. Die beiden Jungen darin gefangen und verloren. FAZ, 7.11.11
Aleksandr Radenković hält seinen Hamlet auf der dünnen Linie zwischen Überheblichkeit und Verzweiflung, das erfordert große Selbstbeherrschung. Wenn Radenković zum Ende hin kurz zusammenbricht und sich wie ein einjähriges Kind wutschreiend windet, wirkt das umso stärker. Auch Rainer Bock unterspielt den Claudius. Sein mörderischer Thronräuber erscheint zunächst nur als vom familiären Gezerre genervter Vorstandschef, kalt, fahrig und in Eile. Wenn er seine Gemahlin Gertrud umarmt, schaut er heimlich auf die Armbanduhr. Man ahnt seine Ruchlosigkeit und erschreckt doch, wenn sie endlich zutage tritt. Bock ist der heimliche Star des Abends. Kölner Stadtanzeiger, 7.11.11
In eleganten, minimalistischen Bildern erscheinen schwarz gekleidete Menschen – unfähig zu lieben und unfähig auszubrechen. Die Wände sind hoch, Türen gibt es nicht. Rebellion, das ist für Hamlet (Aleksandar Radenkovic) und Ophelia (Lea Draeger), wenn sie sich zu 70er Jahre Punkmusik der dänischen Band Sort Sol wie auf einer Kreisbahn bewegen und dazu die Hände spreizen. Das ist zart, das berührt. Tritt jemand auf, ist es mit dem Hauch von Ausbruch aber gleich wieder vorbei. „Ich bin ein dummer, wabbelweicher Schurke, und ich sage nichts“, charakterisiert sich Hamlet. Er ist ein abhängiger Sohn, der seine Rolle nicht findet und sich dafür schämt. Dieser Druck und diese Last liegen auf jeder Geste des hervorragenden Radenkovic. Erst das Schauspiel ermöglicht seinem Hamlet, sich auszudrücken. Für starke Auftritte sorgen Claudius (Rainer Bock) und Gertrud (Imogen Kogge). Scharf, aber gekonnt an der Parodie vorbei techtelt der neue König und Brudermörder mit seiner Königin, die mit Handtasche und Betonfrisur durchaus Queen-Qualitäten hat. WZ, 7.11.11
Zunächst in der scheinbar naiven Attitüde eines Heinz-Erhardt-Verschnitts, entwickelt sich dieser Claudius zu einem bewundernswert konsequenten Ekel, dem Spießigkeit und Machtgeilheit aus allen Körperbewegungen fließen (blendend: Rainer Bock). Die Inszenierung gewinnt zunehmend an Rasanz. Holm treibt das Stück aus oft nahezu erstarrenden Bildern immer wieder in Szenen radikalster Emotionen. Alles liegt offen, ist einsichtig und wahrhaftig. Holm macht damit Horatios Worte, Schauspiel sei gemacht, um die Wahrheit zu erkunden, zum Dreh- und Angelpunkt seiner Inszenierung. Sie erst lassen die Wahrheit aufbrechen, fegen den Schein hinweg und tragen die Aufführung in anrührende und mitreißende Höhen. Konsequenterweise wird Horatio (Markus Danzeisen), obgleich meist an die goldenen Bühnenwände gedrückt, zunehmend zum Spiegel des Geschehens, weissagender Freund und nervös zitternder Narr zugleich. Am Ende, wenn alle anderen tot am Boden ihres Goldkäfigs liegen, wird er zum Gewissen der Welt, in der Hamlets Suche nach Wahrheit alle Beteiligten beschädigt hat. Neue Osnabrücker Ztg., 7.11.11
Im frisch renovierten Großen Haus bringt Holm Shakespeares "Hamlet" auf die Bühne als konzentriertes Schauspielertheater. Das wirkt radikal in seinem Ernst, seiner Entschlossenheit, auf Shakespeares Wort und die Kraft des Spiels zu vertrauen. Holm mutet seinen Darstellern die leere weite Fläche der großen Bühne zu, wirft ihnen mal eine Kanonenkugel als Spielball zu, verzichtet ansonsten weitgehend auf Requisiten, Musikuntermalung, Videoprojektionen. Das ist erfrischend puristisch. Eine Ära des Antimätzchen-Theaters soll da eingeläutet werden. Und weil Holm ein Lakoniker ist, erstarrt die Inszenierung nicht in Ehrfurcht. RP, 7.11.11
Der Regisseur dreht Shakespeare nicht durch den Zeitgeist-Fleischwolf und schaut, was am Ende noch übrig bleibt. Holm macht fein gesponnenes Schauspieler-Theater mit Goldrand, sehr klar, aber stellenweise spröde. NRZ, 7.11.11
Ein großer Abend im Düsseldorfer Schauspielhaus. Holm läßt die tragische Geschichte in einem riesigen goldenen Käfig spielen, an dessen Wänden sich die Schauspieler wie Marionetten entlang tasten. Böllerschüsse krachen. Knackige Musik der dänischen Band Sort Sol. Herausragende Schauspieler wie der junge Aleksandar Radenkovic in der Hauptrolle, Rainer Bock und Imogen Kogge. Es ist ein Genuß, ihrem Spiel zuzusehen. Dieser "Hamlet" ist modern, zeitgemäß, flott und mit hintergründigem Humor inszeniert. BILD, 7.11.11
Gegen Ende gelingt Holm ein großartiges Bild, als er Hamlet und dessen Widersacher Laertes mit Ophelias Urne rangeln lässt, bis Asche die beiden in graue Gespenster verwandelt, tot schon bevor ihr Duell beginnt. Man spürt in solchen Momenten, dass am Düsseldorfer Schauspielhaus wieder großes, kühn auf die pure Kraft der Schauspielerei konzentriertes Theater möglich ist. RP, 7.11.11
Wer noch nie den „Hamlet“ gesehen oder gelesen hat, ist hier am richtigen Ort. Holm lässt das Reclam-Heft spielen, konzentriert, durchdacht, aufs Wesentliche reduziert und in großer Klarheit. Kölner Stadtanzeiger, 7.11.11
Ich aber sage euch, es ist Schmock. Aber wenigstens ist das Haus wieder eröffnet. FAZ, 7.11.11
Bestattungskultur 4/2012
Sein oder Nichtsein?
Staffan Valdemar Holm, neuer Generalintendant am Schauspielhaus Düsseldorf, hat seine erste Spielzeit mit Hamlet eröffnet. In Shakespeares Klassiker überlebt nur die Figur des Horatio – alle anderen, einschließlich des Titelhelden Hamlet, liegen am Ende tot auf der Bühne. Warum der Tod so ein zentrales Motiv bei allen Bühnenstücken ist und was wir als Zuschauer dabei lernen können, erklärt der schwedische Regisseur, der u.a. sechs Jahre Leiter des Königlichen Dramatischen Theaters in Stockholm war, im Interview mit der bestattungskultur.
Von Eva Schmidt
Eine Szene Ihrer Inszenierung fand ich im Hinblick auf die moderne Bestattungskultur besonders bezeichnend: Nach dem Tod von Ophelia geraten ihr Bruder Laertes und Hamlet bei der Beisetzung in einen heftigen Streit, denn Hamlet soll schuld am Tod des Mädchens sein. Sie inszenieren das als furiosen Kampf um die Urne, die dabei aufspringt, eine Aschewolke wirbelt über die Bühne. Wie sind Sie darauf gekommen?
Staffan Valdemar Holm: Die Wirkung der Szene ist einfach stärker. Durch ihre Asche ist Ophelia, ist ihr Tod auf der Bühne anwesend. Zugleich wirkt er endgültiger – eine Kremation ist radikaler als eine Beerdigung, der Körper verschwindet irreversibel. Außerdem entspricht diese Bestattungsart der gesellschaftlichen Realität. In Skandinavien beispielsweise liegt die Quote der Einäscherungen bei nahezu 80 Prozent. Noch etwas kommt hinzu: Das Bühnenbild ist sehr klar und reduziert, eine pompöse Beerdigung hätte nicht dazu gepasst und war uns auch zu aufwändig.
Warum ist der Tod ein so zentrales Motiv in Opern und Theaterstücken?
Theater hat sich schon immer mit dem Tod und dem Töten beschäftigt und versucht, dieses Phänomen zu reflektieren. Denn hier erleben wir den Menschen in einer Grenzerfahrung. Es geht natürlich auch um die Motive und Konsequenzen des Tötens: Rache, Eifersucht, Geldgier etc. Gerade inszeniere ich Richard III., der jetzt neu auf dem Spielplan des Schauspielhauses steht. Ein Bösewicht, ein Mörder und das aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus, weil er gebrechlich ist und hässlich und von niemandem geliebt wird. Er hat aber überhaupt keine Schuldgefühle. Auch Hamlet ist trotz seine Zögerns und Zauderns ein Mörder. Allerdings ist er der einzige Held bei Shakespeare, der wirklich über den Tod reflektiert. Insgesamt ist unser Theater Teil und Reflektion auf Kultur. In allen Kulturen wird über den Tod nachgedacht, die Religionen sind dazu da, sich mit dem Jenseits, mit dem, was nach dem Tod kommt, zu beschäftigen und Vorstellungen dazu zu entwickeln.
Was hat der Tod für einen Stellenwert in Ihrer Arbeit? Wie inszenieren Sie den Tod?
Tatsächlich habe ich 1992 ein Stück geschrieben unter dem Titel „Totenkarrussel“, in dem in jeder Szene ein Toter vorkommt. Es ist Stück des Jahres in Dänemark geworden. Das Thema Todesvorstellungen in den verschiedenen Religionen hat mich immer interessiert, obwohl ich lutherischer Atheist bin, d.h. ich bin in dieser Tradition erzogen. Aber ich teile die Werte der zehn Gebote, ungefähr acht oder neun davon halte ich auch ein.
Beim Inszenieren von Sterbeszenen gibt es natürlich manchmal paradoxe Situationen: In der letzten Szene in Verdis Othello wird Desdemona erwürgt, danach muss sie aber noch eine ganze Weile singen. Da stellt sich schon die Frage: Wie setzt man das praktisch um, ohne unglaubwürdig zu werden? Bei mir hat sie dann vom Publikum abgewandt, nach hinten gesungen.
Wenn Sie ein blutiges Stück inszenieren, beschäftigt Sie das dann auch im Alltag?
Im Theater haben wir das Privileg, dass alles nur Spiel ist: Auf der Bühne sterben die Leute nicht wirklich, es fließt kein echtes Blut. Wir haben es damit leichter, wir nehmen es spielerisch. Ich denke, es verhält sich eher umgekehrt, dass man seine Erfahrungen aus dem Leben in die Arbeit mit hinein nimmt. Bei den Proben zu Hamlet kam meine Mutter auf die Intensivstation. Glücklicherweise ist sie wieder genesen, aber das war eine existenzielle Zeit, in der man plötzlich mit persönlichen Entscheidungen konfrontiert ist, was medizinisch getan werden soll, was nicht. Diese Erfahrung hat mich geprägt und das fließt dann auch wieder in meine Inszenierungen ein.
Wie sehen Sie den Stellenwert des Todes in der Gesellschaft?
Wir haben uns vom Tod entfernt. Ich glaube, meine Kinder haben niemals einen toten Menschen gesehen, ich nur einmal. Eigentlich schade, dass es so ist. Medial dagegen ist der Tod fast allgegenwärtig.
Was für eine Funktion hat das Theater in diesem Zusammenhang?
Das Theater kann tatsächlich auch zu einer säkularen Kirche werden, ich habe das mehrmals erlebt. Als 2003 die schwedische Außenministerin Anna Lindh nur 300 Meter von unserem Theater entfernt getötet wurde, stand bei uns König Lear auf dem Spielplan. Ich dachte, heute kommt bestimmt niemand, das Land war so geschockt, von nationaler Trauer ergriffen. Doch es war genau umgekehrt, das Theater war voll. Offenbar hatten die Menschen eine Sehnsucht, beisammen zu sein, sich auseinander zu setzen, gerade in dieser Ausnahmesituation.
Das gleiche passierte bei dem Tsunami 2004 in Thailand, als auch viele Schweden starben oder vermisst wurden. Wieder strömten die Menschen ins Schauspielhaus – offenbar wollten sie mit ihrer Trauer nicht alleine sein.
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