Clash
Deutsches Theater Berlin
Gastspiel
19.00 - 20.40
- Manuel Däbritz
- Tobias Fiege
- Regina Loy
- Max Pellny
- Teresa Riedel
- Louis Voelkel
- Zeynep Bozbay
- Marcel Heuperman
- Franziska Korte
- Paul Leon Wollin
- Furkan Akdag
- Kerim Balli
- Mekan Günel
- Paul Schwesig
- Süheyla Ünlü
- Victor Warno
- Nurkan Erpulat / Regie
- Gitti Scherer / Bühne
- Gitti Scherer / Kostüme
- Michael Emanuel Bauer / Musik

Wann hat es angefangen? Mit dem Sündenfall? Als die Türken vor Wien standen? Sind die Medien schuld? Die Eltern? Oder unsere ungezügelten Leidenschaften – Hochmut, Geiz, Wollust? Frustriert über den Zustand der Gesellschaft entscheidet sich eine Gruppe junger Leute abzuhauen und nach etwas Anderem, Besserem zu suchen. 16 junge muslimische, christliche und agnostische Berliner fragen gemeinsam mit Nurkan Erpulat nach der Relevanz «universeller Werte» in unserer interkulturell und religiös vielfältig geprägten Gesellschaft.
Affen als Zuchtmeister
Ein Jugendtheaterprojekt in den DT-Kammerspielen mit dem Sci-Fi-Comic "Clash"
Doris Meierhenrich
Als das schlimme "I-Wort" endlich fällt, bricht der Donner vom Theaterhimmel los und erstirbt das Licht in letzten Zuckungen. Auf der Bühne, wo man lange um das Wort herum stotterte, schmeißen sich alle in Deckung und verzerrte "Alllaaah"-Rufe begleiten den martialischen Auftritt der "I-Wort"-Hüter: Es sind die Herrscher jenes Zukunftsplaneten unter dem Banner des Halbmonds, auf dem die Gegenwartsmenschen an diesem schrillen, gewitzten Theaterabend in den Kammerspielen des DT bruchlanden. Das peitschende Wort heißt "Integration" und seine Zuchtmeister sind theokratische Affenmenschen, die ihren Untertanen, den noch menschlichen Menschen, ihr Affenleben aufzwingen. Und das kennt keinen Spaß, nur gut oder schlecht, kluge Oberaffen oder dumme Untermenschen und ein heiliges Buch: "Deutschland schafft sich ab".
Viel Spaß aber verraten die 16 Jugendlichen, die sich für dieses realsatirische Theaterprojekt um den Regisseur Nurkan Erpulat und die Autorin Dorle Trachternach versammelt haben. Und wirklich erstaunlich ist, was Erpulat, der schon mit "verrücktes Blut" in der Naunynstraße das "I-Wort" durch seine irrwitzige Dialektik schraubte, aus den Laienspielern herausholt.
Ursprünglich sollte es um die Wiederkehr der Religionen gehen. Doch schon während des Auswahl-Workshops im September merkte das DT-Team, dass den Jugendlichen aus unterschiedlichen deutsch-migrantischen Milieus ganz anderes unter den Nägeln brennt: die überhitzte Deutungsschlacht darum nämlich, was "Integration" eigentlich sei. Speziell die Polemik Thilo Sarrazins rieb sie auf, weshalb gerade sein Buch schnell zur Negativfolie ihrer Theaterarbeit wurde: Der gesellschaftskritische Science-Fiction-Comic "Clash" entstand. Am Sonnabend war Premiere.
Und man darf "Clash" nun durchaus als groteske Sarrazin-Offenbarung begreifen. Dessen islamistisches Drohszenario nämlich wird darin mit dem Klassiker "Planet der Affen" kurzgeschlossen und so nach dem Prinzip "Subversion durch Affirmation" der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben. Kaum zu glauben, aber das funktioniert besser, als gedacht. Denn inszenatorisch geschickt wird das letzte Kapitel des Buches so buchstäblich genommen, dass plötzlich die Nähe der Simplifizierungen, die darin walten, zu dem fundamentalistischen Befund, den es aufbauscht, selbst hervortritt.
Selten auch glückt das heikle Spiel mit Klischees, wie hier. Choreografische Verfremdungen und lakonische Dialoge brechen die Wahrnehmungen so, dass die Banalität der Vorlage kaum schadet. Zwar fehlt "Clash" eine eigene gedankliche Tiefe, die der guten Spannung zwischen kulturellen Unterschieden und Gemeinsamkeiten nachspürte. Doch erlebt man aufgeweckte, zerrissene, sensible Jugendliche, deren Gesellschaftswahrnehmung schon jetzt reicher ist, als jene 460 Buchseiten, die sie hinter sich lassen.
Der Tagesspiegel, 7.2.11
Jener höhere Besen, den wir verehren
Nurkan Erpulat und das Junge Deutsche Theater Berlin spielen "Clash", ein hinreißendes Stück über eine Gottheit namens Thilo.
von Rüdiger Schaper
Gar nicht einfach, diese Geschichte nachzuerzählen. Es stehen auch jede Menge Fettnäpfe herum. So ungefähr: In hundert Jahren ist aus Thilo Sarrazins Horrorvision Wirklichkeit geworden, Deutschland hat sich abgeschafft. Affen herrschen über den Planeten – die schlauen migrantischen Viecher haben genau das getan und sich wie die Blöden vermehrt, was „die Deutschen“ hätten verhindern müssen. Stand alles in dem Buch. Anno 2111 verrichten Menschen die Drecksarbeit, während die Affen ihren Machismo ausleben und über Integration palavern.
Vielleicht aber geht die Geschichte von „Clash“ in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin auch noch einmal ganz anders, aber das ist nicht wichtig.
Es handelt sich um ein „interkulturelles Theaterprojekt des Jungen DT“, und die Spiellust, der Witz, die Bühnenpräsenz, die musikalische Energie der sechzehn Jugendlichen fegen sämtliche Labels und dramaturgischen Bedenken weg, ob und wie „das Buch“ des Thilo S. und der Kinomythos vom „Planet der Affen“ zusammenpassen. Nurkan Erpulat und Dorle Trachternach, die „Clash“-Autoren, hatten die zwingende Idee, zwei Klassiker des Trash aufeinander loszulassen. Erpulat führt auch Regie. Am Ballhaus Naunynstraße hat er kürzlich mit „Verrücktes Blut“ so etwas wie einen Hit produziert. Was Özil im Fußball ist, das soll nun Erpulat im – postmigrantischen – Theater sein. Ein Spielmacher, stark verkaufsgefährdet.
Nurkan Erpulat dreht seine Texte, dass einem der Kopf schwirrt. Er will heilsame Verwirrung stiften. Im „Verrückten Blut“ wird eine Schulklasse von ihrer Lehrerin mit vorgehaltener Pistole zum Deutschunterricht (Schiller!) gezwungen. Wer „Deutscher“ oder „Deutsche“ ist und wer welche Klischees mit sich herumträgt, wie Gewalt entsteht und wie man darauf reagiert, das sind auch Fragen, die sich durch „Clash“ ziehen. Sind die Affen türkischstämmig? Auf welchem Planeten spielt sich diese fette Farce ab?
Hier sieht man einmal keine Castingshow, sondern gleich das Ergebnis. Es hatten sich gut 150 Jugendliche für das Projekt gemeldet, jeder zehnte wurde genommen. Fünf Monate dauerten die Proben. Es zeigt sich, dass Nurkan Erpulat vor allem ein hervorragender Theaterpädagoge ist. Wie sicher die Akteure sich bewegen, wie gut und pointiert sie sprechen, das ist schon eine große Leistung. Wie ironisch sie sein können!
In der Eröffnungsszene in einer Schulbibliothek streiten sie über Gott und den Alleinvertretungsanspruch der drei Religionen der Schrift, Kommunismus und nervige 68er-Eltern, Sex und andere Lebensplanungen: „Ihr wollt Deutsche heiraten? Seit wann das denn? – Na ja, aber nicht zu viele, dann überschreiten wir vielleicht die Grenze zum Lockersein. Denn egal wie locker wir sind, wir müssen noch gewisse Werte beibehalten, damit wir nicht wie Tiere sind.“
Auf einen groben Klotz wie „das Buch“, das die ganze Zeit auf der Bühne herumliegt, gehört ein feiner Erpulat-Humor. „Clash“ bedient sich locker bei den alten Sachen, die sowieso keiner mehr kennt, wie zum Beispiel Woody Allens Theatertexten. Da gibt es ein Dramolett namens „Gott“ – auch schon ein freches Kompilationsteil –, in dem jenes höhere Wesen, das sie verehren, am Schluss mit einem Höllenteil vom Bühnenhimmel herabfährt. Der deus ex machina ist erfunden.
Bei Erpulat ist er eine lebensgroße Puppe mit Sarrazin-Kopf, Schnurrbart und Brille. Die Affen hüten ihn wie ein Orakel, bis die Thilo-Gottheit durch technisches Versagen kaputtgeht. Shit happens, sagt ein Affe (oder ist er schon wieder Mensch?) und alle fallen in einer spontanen Orgie übereinander her, eine Hymne aus der „West Side Story“ („Somewhere“) wird geschmettert, und alle wieder zurück in die Bibliothek, die sich über Nacht in eine Moschee verwandelt hat …
Typische Erpulat-Drehungen, Dialektik zum Schwindligwerden. Etwas lang geraten, macht aber sehr viel Spaß. „Interkulturell“, „postmigrantisch“ – an einem solchen Abend verschwinden auch die angestrengten Hilfsbegriffe. „Clash“ ist ein Berliner Stück, durch und durch.
Der Tagesspiegel, 4.2.11
Schickt den falschen Propheten in die Wüste
DT-KAMMERSPIELE Nurkan Erpulat lässt in „Clash“ 16 Jugendliche aufeinandertreffen – die Nachwuchsdarsteller streiten über Glauben und arbeiten sich an den Sarrazin-Thesen ab
Von PATRICK WILDERMANN
Es ist die Weissagung aus dem 9. Kapitel des Buches Sarrazin. Islamische Terroristen bombardieren den Bahnhof Zoo, die Türken vermehren sich in Scharen, und nachdem anno 2045 mal wieder die Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar abgebrannt ist, entscheidet der arabischstämmige Bürgermeister des Goethe-Städtchens, aus dem Gebäude eine Moschee zu machen. „Klingt wie eine Satire“, sagt Nurkan Erpulat und lacht. Ist aber keine, sondern Zukunftsmusik à la Sarrazin. Wobei es einen natürlich freut, dass der türkischstämmige Regisseur Erpulat der Lektüre von „Deutschland schafft sich ab“ noch heitere Seiten abgewinnen kann. Dass er die Ethno-Dystopie sogar als Inspirationsquell nutzt, um seine eigene Vision davon auf die Bühne zu bringen, wie die BRD in naher Ferne aussehen könnte.
Was wiederum wirklich komisch werden dürfte, weil sich kaum einer so wie Erpulat darauf versteht, die Absurditäten der Gegenwart im Zerrspiegel der Fiktion aufscheinen zu lassen.
Ihm zur Seite steht diesmal ein Ensemble aus 16 christlichen, muslimischen und agnostischen Jugendlichen, die meisten von ihnen unter 20. Sie machen sich Gedanken über Religion und Glauben, Werte und Erwartungen, Projektionen und Paranoia – und auch ihre Biografien fließen ein in das Theaterprojekt, das derzeit am DT geprobt wird. „Clash“ haben Erpulat und die Theaterpädagogin Dorle Trachternach ihre Stückentwicklung genannt, deren Plot lose-assoziativ an den Film „Planet der Affen“ erinnert. Ob in Zukunft die Primaten oder die Primitiven herrschen, sprich: die Muslime, was macht das für einen Unterschied? „In diesem politisch unkorrekten Feld bewegen wir uns“, amüsiert sich Erpulat und erzählt, dass zu Beginn der Proben mit den Laien erst mal vorbehaltlos alles an Klischees, Vorurteilen und Verschwörungstheorien auf den Tisch gepackt wurde, was so durch die jungen Köpfe geisterte. In der Folge sei dann eine ausnehmend gute Arbeitsatmosphäre entstanden.
Nurkan Erpulat hat Erfahrung mit derartigen Jugendtheaterprojekten. „Heimat im Kopf“ hieß eine seiner ersten Arbeiten mit jungen Spielern, inszeniert am Schauspiel Hannover, wo in der Folge auch „Familiengeschichten“ entstand. Stücke, die in Erpulats Augen, „ob gewollt oder ungewollt“, einen politischen Beitrag leisten, die über Möglichkeiten des Zusammenlebens, soziale Strukturen und Rollenzuschreibungen reflektieren und deren thematischer Radius, zuletzt mit dem Linzer Projekt „I like to move it“, immer globaler wird.
Erpulat ist mittlerweile ein viel gefragter Mann, der durchschlagende Erfolg von „Verrücktes Blut“ am Ballhaus Naunynstraße katapultiert ihn gerade in die A-Liga der Regisseure. Unter anderem inszeniert er bald Kafka für die Ruhrtriennale, Gorki am Wiener Volkstheater, plant eine Inszenierung in Düsseldorf. Die Arbeit mit Amateuren aber will er auf jeden Fall auch in Zukunft fortsetzen. Denn er sehe – das sagt er ganz unpädagogisch –, dass er auf die Nachwuchsspieler positiv einwirken könne. Deswegen, betont er, „kann mir keine Inszenierung so viel Freude machen wie die mit Jugendlichen“.
- 30. Oktober, 19.00 Uhr
- 29. Oktober, 19.00 Uhr

