Udo Samel

studierte Schauspiel an der Hochschule für Musik und
Darstellende Kunst in Frankfurt am Main. Von 1976 bis
1978 war er Ensemblemitglied am Düsseldorfer Schauspielhaus. Peter Stein engagierte ihn 1978 an die Berliner Schaubühne. Für 15 Jahre war er Ensemblemitglied und blieb dem Haus noch bis 1999 als Gast treu. Seinen ersten Kinofilm drehte er 1978: Messer im Kopf in der Regie von Reinhard Hauff. Sein Regiedebüt gab er 1996 mit der Oper Wozzeck von Alban Berg am Deutschen Nationaltheater Weimar. Als Gast am Münchner Residenztheater spielte er in der Inszenierung von Stéphane Braunschweig im Woyzeck von Georg Büchner die Titelrolle. Diese Arbeit wurde an das Théâtre National de Strasbourg und an das Schauspiel Frankfurt übernommen. Dort spielte er auch in Stéphane Braunschweigs Inszenierung von Henrik Ibsens Gespenster den Pastor Manders. In der Spielzeit 2011/12 setzen beide ihre Zusammenarbeit in Düsseldorf, Paris und Berlin fort. Seit 2004 gehört Udo Samel fest zum Ensemble des Wiener Burgtheaters.



Stück / Rolle

Interview/Material

RBB, Inforadio, Vis à vis, 15.12.11, 10:45 Uhr

Udo Samel: Der Buddha unter den Schauspielern

Udo Samel ist einer der gefragtesten deutschsprachigen Schauspieler. Am Samstag und Sonntag steht er in der im Gegenwartsdrama ''Tage unter'' auf der Bühne des Hauses der Berliner Festspiele.

Ute Büsing hat Udo Samel am Rande der Proben zum Gespräch getroffen.

Ute Büsing: Udo Samel, im Rahmen der Spielzeit Europa im Hause der Berliner Festspiele sind Sie jetzt in der deutsprachigen Erstaufführung von Tage unter zu sehen. Sie spielen den nur „Besitzer“ genannten Herrn über einen Bunker, in dem er willkürlich von der Straße aufgelesene Menschen gefangen nimmt, um ihnen zu helfen, um sie zu bessern. Was hat es damit auf sich?

Udo Samel: Als ich das Stück las und auch mit Menschen gesprochen habe, die das Stück von Arne Lygre gelesen hatten, war natürlich der Reflex bei uns, die wir das wissen, auf Natascha Kampusch und auf Fritzl aus Amstetten und auf die Dutroux sofort wachgerufen. Nun weiß ich aber, dass der Autor von diesen ganzen Vorfällen überhaupt nichts wusste, als er dieses Stück geschrieben hat, und er hat auch irgendwo mal mitgeteilt, wenn er das gewusst hätte, hätte er dieses Stück nie geschrieben. Also es hat einen anderen, für ihn inneren Anlass und hat einen anderen Grund. Das ist ein Mann, den könnte man als einsam beschreiben, weil er sagt, ich war etwas und ich hatte mal was, und heute beschäftigt er sich mit dem Nichts. Im Grunde geht er ins Nichts. Er stirbt am Ende.

Also alle diese Figuren in dem Stück – vier sind es insgesamt – die haben gar nicht so etwas wie einen inneren Resonanzraum, die haben auch keine näher bestimmte äußere Identität, die sind da eigentlich in ihrer jeweiligen Einsamkeit aufeinander geworfen.

Ja, so könnte man es beschreiben. Sie haben also nicht im herkömmlichen Sinne eine – sagen wir mal – Tschechowsche Psychologie, aber sie sind natürlich Menschen und sie haben eine Geschichte, die Geschichte wird auch immer spürbar, und zwar zwischen den Zeilen. Er hält es nicht aus alleine, offensichtlich, und er will bessern und holt Junkies von der Straße, um sie sozusagen zu entwöhnen. Er will sie bessern, weil er merkt, die Welt tut nichts, die Behörden freuen sich, wenn die da auf der Straße sterben. „Das ist einfach so weniger belastend“, sagt er ökonomisch. Also er hat einen – vermeintlich – gesellschaftlichen Anspruch, auch an der Besserung der Welt teilzuhaben und es zu tun. Nur er merkt wohl selber nicht, dass er diese Art des Helfens benutzt, um zu unterdrücken.[Samel will etwas erwidern]

Er ist nun ja wirklich alles andere als ein Gutmensch, also er droht ja auch damit, er schwärzt die Finger, die Daumen ein, die abzuhacken, wenn sozusagen diese Entwöhnung nicht funktioniert [Samel will etwas erwidern] und wenn sich ihm die Menschen entziehen wollen.

Ja, nicht hacken, das ist der kleine Unterschied, er schneidet…

Abschneiden…

Er droht damit. Das Mädchen, was das widerständigste ist gegen seine Unterdrückung, die sagt ihm, wenn er immer sagt, du zerstörst dich selbst und ihr seid zerstört und ich werde euch wieder aufbauen, sagt dieses Mädchen: „Und wer hat dich zerstört?“ Das hat ihn offenbar noch niemand gefragt. Und da fängt auch sein Ende an. Daran zerbricht er auch.

Das ist ein sehr klaustrophobisches, existentialistisches, vielleicht sogar nihilistisches Stück, angesiedelt irgendwo zwischen Beckett, finde ich, ein bisschen, Ionesco und eben dem realen Fall Natascha Kampusch, auch wenn das den Autor Arne Lygre gar nicht gekümmert hat, als er das Stück schrieb.

Der Existentialismus stimmt, der Nihilismus, bin ich mir nicht so ganz sicher, weil es ist, …es gibt noch etwas, es gibt Hoffnung. Ich meine, die Hoffnung ist furchtbar verstellt. Es überlebt der Junge, der den Namen Peter hat. Und ich glaube, der Name Peter ist in jeder Sprache „Der Fels“. Er überlebt auf einem Felsen, nur ob er überleben kann? Er müsste springen.

Es ist der Fels in der Brandung des Nichts. Das ist in einer sehr formbewussten, – Sie haben in einem anderen Gespräch auch gesagt – „designten“ Sprache gehalten, inszeniert von einem sehr formbewussten Regisseur, Stéphane Braunschweig. Wie haben Sie sich diesen Text angeeignet? Wie haben Sie sich den spielbar gemacht?[schmunzelt]

[schmunzelt] Wir sind jetzt in der dritten, letzten Probenphase hier in Berlin, weil es ist ja eine Koproduktion mit Stéphanes Theater La Colline, das jüngste Nationaltheater in Paris. Da haben wir angefangen zu probieren, und waren natürlich sehr verwundert und das ging einmal ganz leicht und dann ging es überhaupt nicht. Wir haben festgestellt, wir müssen, was zwischen den Worten steht, zum Schwingen bringen. Wie ein Felsabriss.

Wie halten Sie es jetzt überhaupt mit der Gegenwartsdramatik? Lygre ist ja jetzt einer der im Moment hoch gehypten, gehandelten an den Theatern dieser Welt norwegischen Gegenwartsdramatiker. Am Wiener Burgtheater, wo Sie ja seit 2004 festes Ensemblemitglied sind, sind Sie ja eher der Mann für die Klassiker. [lacht]

[lacht] Ja, das stimmt nicht ganz. Wir haben ja jetzt mit dem Stück, was auch nach Berlin kommt, im Januar mit der Andrea Breth natürlich die Stücke von Charms, von Courteline und Cami gemacht, aber auch Alltagsszenen…

Das ist Zwischenfälle.

Das ist Zwischenfälle, genau. Die Autoren, die ich genannt habe, sind sozusagen die Sinnstifter des Abends gewesen. Und darüber hinaus hat Andrea mit dem Ensemble zusammen auf die Gegenwart geschaut und die Merkwürdigkeiten auch von Begegnungen und Zwischenfälle unserer Zeit da mit hineingearbeitet. So sind 52 kleine Szenen entstanden. An der Schaubühne habe ich ja fast jedes Jahr oder jedes zweite Jahr eine Uraufführung gespielt, gut, damals waren die Autoren vor allem Botho Strauß oder Peter Handke und in Wien, das liegt auch wohl daran, dass bestimmte Regisseure, die die junge Dramatik heute zumindest am Burgtheater verwalten, den Blick nicht so sehr auf mich haben. Und ich auch mich nicht für alles interessiere, was gemacht wird, weil ich möchte schon ein Formbewusstsein und ein bisschen eine Intelligenz in der Arbeit erleben dürfen.

Sie haben eben schon erwähnt Ihre Zeit an der Berliner Schaubühne. Da müssen wir natürlich drauf kommen. Sie haben etwa zur gleichen Zeit wie Andrea Breth, die Regisseurin, von Berlin ans Burgtheater Wien gewechselt. Wien liebt seine Schauspieler, sagt man, verehrt sie, Berlin tut das eigentlich gar nicht oder nur in höchst seltenen Fällen. Ist das mit einer der Gründe dafür, dass man Sie in Berlin kaum noch sieht?

Ich habe hier immer Arbeit mit dem Stück Kunst von Yasmina Reza, das könnte ich wahrscheinlich wochenlang vor ausverkauftem Haus am Renaissance-Theater spielen, das ist so ein Selbstläufer geworden mit den beiden Freunden Gerd Wameling und Peter Simonischek zusammen. Aber es gibt sonst keine Angebote aus Berlin. Und da war es in Wien durch die Verabredung mit der Andrea Breth, nach Wien zu kommen, bin ich da hängengeblieben.

Jetzt nehme ich mal an, Sie haben Ihren Berliner Standort, Ihre schöne Wohnung nicht aufgegeben und sind noch öfter in der Stadt. Bügelstraße, auch Legende, wohnen viele Kollegen, Gerd Wameling zum Beispiel oder Jutta Lampe…[lacht]

Schaubühne, Altersheim, ja [lacht].

Nehmen Sie denn als Besucher, als Publikum die Berliner Theaterlandschaft wahr?

Wenn ich nach Berlin komme wie jetzt, habe ich jeden Tag Probe und dann gehe ich abends nicht ins Theater. Außerdem schaffe ich das dann meistens gar nicht. Nun habe ich aber auch festgestellt, dass es bestimmte Aufführungen gab, wo ich gesagt habe, da wär ich auch gar nicht so gern dabei gewesen. So.

Jetzt gehörten Sie in Peter Steins Schaubühnen-Ensemble – erst am Halleschen Ufer, dann später in der Schaubühne am Lehniner Platz – zu Menschen, die waren sozusagen auf Du und Du mit ihrem Publikum, jedenfalls hatte das Publikum immer das Gefühl: Ach, das ist der Otto, das ist der Bruno und ach, da ist der Udo! Also Sie waren das jüngste männliche Mitglied damals in einem legendären, Theaterepoche prägenden Ensemble. Ist das jetzt endgültig vorbei?[lacht]

[lacht] Also der Jüngste bin ich nicht mehr. Und ich glaube auch, diese Legende, von der Sie sprechen, das, was wir da bewegt haben, als relativ kleines Privattheater, was ausschlaggebenden – ich möchte nicht übertreiben – aber doch auf Deutschland, auf die deutschsprachigen Theater, bis nach Frankreich und so weiter Einfluss hatte auf den Spielplan. Weil wir da so auch Entdeckerarbeit geleistet haben, also mit dem wunderbaren Dieter Sturm zusammen und dem Peter Stein und den Regisseuren und die natürlich alle da waren und die auch noch arbeiten, größtenteils leider. Mein liebster ist nicht mehr am Leben, der Klaus Michael Grüber, das war der große Fantast. Dieser Blick auf den Menschen, der den Menschen ernst nimmt und der hinter die Fassaden der Sätze, hinter die Worte, sozusagen in das Wesen des Menschen eindringen will, der ist heute nicht mehr so im vordergründigen Interesse.

Wie ist das im Film? Sie haben einen unglaublichen Filmrollenfundus, also in Filmen und auch in Fernsehproduktionen, angehäuft. Ich nehme an, dass Sie beides genauso gerne tun, also Film spielen wie Theater spielen. Wenn Sie jetzt zurückblicken auf ein halbes Lebenswerk im Alter von 58 Jahren, was waren für Sie die Meilensteine?

Natürlich die intensive Arbeit und Auseinandersetzung mit der Musik und der Figur und dem Menschen Franz Schubert. Das ist Die Winterreise oder es gibt den Film Notturno, den gibt es ja in mehreren Fassungen. Dann hat mir große Freude gemacht natürlich die Arbeit mit dem Peter Beck und den Schauspielern hier in Berlin, die Durchreise, weil es sozusagen Berliner Geschichte war und ich einen Menschen spielen konnte, der hier gearbeitet hat, hier gelebt hat und hier versucht hat, das Schrecklichste, was man sich vorstellen kann, also die Apokalypse, zu überleben: ein jüdischer Textilfabrikant. Natürlich waren die Arbeiten mit dem Michael Haneke ganz entscheidend für meine Arbeit beim Film.[Samel lacht]

Sie wirken heute auf mich wie ein in sich ruhender Buddha. [Samel lacht] Ich meine das durchaus positiv und nicht despektierlich. Was bleibt Ihnen da noch an Herausforderungen? Wo sehen Sie die?

Naja, der Buddha kommt vielleicht ein bisschen daher, dass ich mich schon darauf konzentriere, dass ich bei der Probe die nötige, ruhige Souveränität erreichen kann, weil ich bin vordergründig kein Machtmensch und habe gegen jeden Menschen, der Macht ausüben will, einen ziemlichen Widerwillen und wehre mich zutiefst dagegen. Und jetzt muss ich ja so einen spielen und dann habe ich auf den letzten Proben festgestellt, ich versuche, das hat ein Lehrer mal von mir gesagt, was ich nicht kann, mache ich mit Schwung, also das Böse auch mit Schwung zu machen, und war furchtbar laut und heftig und polterig, und das ist absolut falsch und deshalb versuche ich mich jetzt, so zusammenzureißen, und wirke so ruhig. Na, ich habe vieles gemacht und es gibt ja auch viele, die mir zum Vorwurf gemacht haben, dass ich eben nicht mehr so jung und nicht mehr so hübsch und nicht mehr so schlank bin wie früher, aber das ist ein ganz normaler Vorgang. Ich weiß gar nicht, warum Sie sich da so aufregen, und ich mag gerne guten Rotwein, das gebe ich gerne zu. Ich kann zum Beispiel kein schlechtes Essen mehr essen. Sieht man mir zwar nicht an, aber ich brauche nicht viel, ich brauche nur eine gute Qualität. Und das muss stimmen und mein Körper wehrt sich auch gegen falsches Fast Food oder wie auch immer.

Wo finden Sie das gute Essen?

In den entsprechenden Restaurants, also das heißt, ich gebe mein Geld vor allem in Restaurants aus und bei einem guten Rotwein. Viel mehr brauche ich nicht. Meine Bücher habe ich alle. Ich habe ja alles, was ich brauche. Ich bin versorgt. Das kann natürlich alles, so wie wir ständig Angst gemacht bekommen, in die Binsen gehen oder flöten gehen, da muss man bei sich selber dagegen halten und sagen: Ich habe das Gefühl, ich kann überleben. Ich habe ein bissel sozusagen Winterspeck angesetzt und der hilft mir eine Weile.

Ihr Burg-Kollege Gert Voss hat es ja gewagt sozusagen, an der neuen Berliner Schaubühne ein Gastspiel anzutreten, und ist gemeinsam mit dem jungen Lars Eidinger in Maß für Maß ein Riesenerfolg. Wär so was für Sie nicht auch vorstellbar?

Für mich ist der Schauspieler-Beruf nicht nur eine Berufung, sondern es hat was mit Rufen zu tun. Ich habe nie irgendwo gesagt, jetzt, ich möchte hier arbeiten, es muss ein Vorschlag kommen. Darauf kann ich reagieren. Und darauf reagiere ich dann auch sehr, sehr treu. Ich war ja über zwanzig Jahre an der Schaubühne. Gut, ich habe dann meine Auszeit genommen und war, bevor ich dann ans Burgtheater gegangen bin, im Grunde zehn Jahre frei und habe das ausgenutzt, um auch andere Interessen, damals mit Alan Marks und Sona MacDonald zusammen die Abende, heute mache ich sie mit dem Kuss Quartett, eine vergleichbare literarisch-musikalische Arbeit, und dann habe ich Filme gedreht. Dann habe ich zehn Jahre Opern inszeniert, das wollte ich auch wissen und das hat mir auch Spaß gemacht, obwohl dieser Apparat mir nach wie vor unheimlich ist, weil da geht es auch mir zu wenig um die Kunst. Jetzt habe ich Ihnen im Grunde mein Leben erzählt. Vielmehr passt da auch gar nicht rein.