Nurkan Erpulat
Nurkan Erpulat wurde 1974 in Ankara geboren. Nach einem Schauspielstudium in Izmir kommt er mit 24 Jahren nach Berlin, lernt in 1,5 Jahren die deutsche Sprache, studiert Theaterpädagogik und später Regie an der Ernst Busch, einer der renommiertesten Theaterhochschulen Deutschlands. Er arbeitet vornehmlich in Berlin, aber auch in Hannover, Linz, Heilbronn und Duisburg. Zu seinen Regiearbeiten zählen u. a. Faked, Jenseits – Bist du schwul oder bist du Türke?, Schattenstimmen, *Man braucht keinen Reiseführer für ein Dorf, das man sieht, Türkisch-Gold. Seine Arbeiten, teilweise im Jugendtheaterbereich, werden zu zahlreichen Festivals und Gastspielen im In- und Ausland eingeladen. Zuletzt enstanden: Verrücktes Blut (im Rahmen der Ruhrtriennale in Kooperation mit dem Ballhaus Naunynstraße und 2011 zum Theatertreffen eingeladen) und das interkulturelle Jugendtheaterprojekt Clash an den Kammerspielen des Deutschen Theaters. Bei der jährlichen Kritikerumfrage des Fachmagazins Theater heute wurde er 2011 zum Nachwuchsregisseur gewählt. Seit der Spielzeit 2011/12 ist er Hausregisseur am Düsseldorfer Schauspielhaus.
Stücke
Interview/Material
DPA, 19.1.12
Regisseur Erpulat: Ich verdanke meinen Erfolg Vorurteilen
Interview: Canan Sevil, dpa
Falls Nurkan Erpulat den Integrations-Bambi bekommen sollte, würde er sich ihn «in den Hintern schieben». Der türkischstämmige neue Hausregisseur am Düsseldorfer Schauspielhaus hält nichts von solchen Preisen. Medien feiern ihn als «Vorzeigetürken».
Düsseldorf (dpa/lnw) - Der türkischstämmige Theaterregisseur Nurkan Erpulat (37) war 2011 der Shootingstar der Theaterszene. Die Zeitschrift «Theater heute» wählte sein Werk «Verrücktes Blut» zum Stück des Jahres und kürte ihn zum Nachwuchsregisseur 2011. Mit gesellschaftskritischen Stücken wie «Jenseits - bist du schwul oder bist du Türke?» oder «Clash» hat sich Erpulat einen Namen gemacht. An diesem Freitag inszeniert der Berliner als neuer Hausregisseur am
Düsseldorfer Schauspielhaus David Gieselmanns «Herr Kolpert». Mit der Nachrichtenagentur dpa sprach Erpulat über seinen Erfolg, Ausländer auf deutschen Bühnen, den Integrations-Bambi - und raucht dabei eine Zigarette nach der anderen.
Herr Erpulat, sind sie ein Vorzeigetürke?
Erpulat: «Ja, ich wurde zu einem gemacht. Das geht schnell. Allerdings hoffe ich, dass ich ein Vorzeigetürke für Entscheidungsträger in der deutschen Theaterlandschaft bin. Ich hoffe, dass sie sehen und kapieren: Guck mal, ein Türke kann das auch.»
Was war der Grund für Ihren Durchbruch?
Erpulat: «Shakespeare durfte ich nicht machen, es wurde mir an der Hochschule für Schauspielkunst in Berlin nicht zugetraut. Es hieß: ''Mach doch mal etwas über die Jungs aus Berlin-Neukölln, erzähl doch mal, wie ist das so?'' Dann habe ich ''Verrücktes Blut'' und ''Clash'' gemacht. So gesehen, verdanke ich den Vorurteilen meinen Erfolg.»
In der Theaterszene gibt es wenige Schauspieler und Regisseure mit Migrationshintergrund. Woran liegt das?
Erpulat: «Sagen Sie es mir.»
Identifiziert sich der deutsche Zuschauer nicht mit einer türkischen Julia?
Erpulat: «Ja, die Behauptung ist da. Wie die Behauptung da ist: ''Ach, die sprechen sowieso schlechtes Deutsch, ach ihre Welt ist so klein, die können das nicht verstehen.'' Wir behaupten im Theater ständig, dass wir die Wirklichkeit auf die Bühne bringen, die Gesellschaft spiegeln. Welche Wirklichkeit hat das Theater in den letzten 45 Jahren auf deutschen Bühnen gespiegelt, verdammt noch mal?»
Ernüchternd?
Erpulat: «In Deutschland hat das Theater das Thema Migranten und Protagonisten aus dieser Ecke ignoriert. 25 Prozent der Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund, aber wahrscheinlich weniger als ein Prozent von ihnen ist in der Theaterszene. Es gibt kaum Schauspieler, Dramaturgen, Intendanten mit Migrationshintergrund - nix. Trotz guter klassischer Theaterausbildung haben nur wenige wie Idil Üner (''Kurz und Schmerzlos'') es dann in die Filmbranche geschafft. Die Theaterlandschaft hat sie nicht zugelassen.»
Werden Projekte von Türken, die sich dann doch durchgesetzt haben, unverhältnismäßig gefeiert und gehypt?
Erpulat: «Ja, das ist so. Das liegt an einer krampfhaften Beziehung. Entweder bist du ein guter oder ein böser Türke. Die Normalität fehlt: Sarrazin hat Gemüsehändler zu Losern erklärt, Alice Schwarzer redet respektlos von ''Kopftuchfrauen'', türkischstämmige Ehrenmörder in der dritten Generation will man nach Hause schicken. Ich frage mich wohin, nach Berlin-Neukölln? Dagegen bekommt ein Mesut
Özil mit seinen 21 Jahren einen Integrations-Bambi. Wofür? Welche Integrationsarbeit hat er geleistet? Ja, er spielt gut Fußball, aber was hat er für die Integration getan?»
Was halten Sie vom Bambi-Integrationspreis?
Erpulat (lehnt sich nach vorne, dabei werden seine Augen zu kleinen Schlitzen): «Wenn ich irgendwann den Integrationspreis bekomme, oh und ich hoffe, ich werde ihn bekommen, dann werde ich ihn mir in den Hintern schieben.»
Ist das Ihr Ernst?
Erpulat (lächelt verschmitzt): «Ja. Ich mache das, ich verspreche es.»
biograph, 02/12
Mit Gewalt zum Glück zwingen
Regisseur Nurkan Erpulat im Gespräch über brennende Menschen, Kopftücher und Medienmechanismen. Am 20. Januar 2012 hatte seine Inszenierung von Herr Kolpert im Kleinen Haus Premiere.
Die Deutschen sind nicht gerade berühmt für ihren Humor, zumindest nicht ihren freiwilligen. Was reizt Sie an einer deutschen Boulevardkomödie?
Nurkan Erpulat: Ich denke, nein, ich weiß: Das Klischee von den humorlosen Deutschen
stimmt nicht. Und Herr Kolpert ist auch keine Boulevardkomödie. Man könnte es als boulevardeskes
Stück bezeichnen. Es benutzt Elemente des Boulevard, aber letztendlich stellt Kolpert sehr ernste Fragen z. B. nach dem Einfluß der Medien und dem Sinn des Lebens. Der reine Boulevard bestätigt die bestehende Ordnung, schmerzt nicht und entlässt sein Publikum befriedigt. Das alles trifft bei Herr Kolpert nicht zu.
Was ist Ihr Regiekonzept für Herr Kolpert?
Ich will nicht zu viel verraten. Zwei Menschen begehen aus Langeweile einen Mord. Beide gelten als vorbildliche Bürger. Was mich daran interessiert, ist der Begriff der «politischen Korrektheit» und seine Wirkungsmechanismen. Wie weit soll man für seine Überzeugungen gehen? Wo hört die Korrektheit auf und wo beginnt die Gewalt? Darf ich Menschen zu ihrem Glück auch zwingen? Ein Mann trennt
seinen Müll nicht, wie gehe ich gegen ihn vor? Eine Frau, die ein Kopftuch trägt, kann nicht frei sein. Ich will sie zwingen, einen Tag ohne Kopftuch in Freiheit zu leben. Dann soll sie selbst entscheiden, wie sie leben möchte. Denken nicht viele so?
Bisher haben Sie viel für freie Spielstätten gearbeitet – aber Sie scheint es zum Stadttheater zu ziehen?
Beides hat sein Für und Wider. In der freien Szene herrscht ein Mangel an Vielem, aber man trifft auf Menschen, die für ihre Sache brennen. In einem gewissen Rahmen ist sehr viel möglich. Im Stadttheater gibt es viele Mittel, aber auch viele Regeln. Ich möchte das eine wie das andere nicht missen. Ich will einmal einen Hamlet machen und den ganzen Apparat auskosten: Drehbühne, künstlicher Regen und Schnee, ein großes Ensemble. Aber es macht auch Spaß, auf totales Risiko
zu setzen oder mit bestimmten Beschränkungen umzugehen. Ich glaube, in der Freien Szene kann man viel radikaler produzieren, vielleicht sogar viel politischer. Im Stadttheater muss man gewisse Rücksichten nehmen – das hat mit der Erwartungshaltung und dem jeweiligen Publikum zu tun. Wobei ich im speziellen Düsseldorfer Fall sogar denke, dass mein Intendant Staffan Valdemar Holm gute radikale Ideen jederzeit unterstützen würde.
Für die Ruhrtriennale haben Sie Das Schloss inszeniert – Warum war Ihnen die Auseinandersetzung mit Kafka wichtig?
Das war ein Auftragswerk. Intendant Willy Decker hatte mir den Stoff angeboten und ich fand das sehr interessant. Im Schloss wird der erste moderne Mensch beschrieben. Die Figur K. ist ein wenig wie Kafka selbst: zerrissen zwischen einerseits Sesshaftigkeit, Familiengründung, Geborgenheit und andererseits Abenteuer, Abwechslung, Rastlosigkeit. K. hat beides in sich, denn das Gefühl der Geborgenheit kann schnell kippen in Phlegma und Langeweile. Das ist mir nicht unbekannt. K. hält sich die Dinge offen, legt sich nicht schnell fest. Das ist sehr aktuell. Einmal wird er als Landstreicher verhöhnt. Er erwidert: «Ich bin ja Landvermesser.»
Hatten Sie jemals das Gefühl, vom Erfolg überwältigt zu sein? Wie behält man die Kontrolle?
Zur ersten Frage: nein. Zur zweiten: mit Arbeit. Erfolg ist relativ. Ich empfinde das gar nicht so wie manche Leute es scheinbar von außen wahrnehmen. Ich habe keinen Stalker, keine Groupies und es gab noch keine Anrufe aus Hollywood oder von der Shakepeare Company. Aus meiner Sicht ist alles viel normaler. Wenn ich kein Türke wäre, wäre es noch anders gelaufen. Ich wundere mich über diesen medialen Schneeballeffekt. Da schreibt einer vom anderen ab und legt jeweils noch eine Übertreibungsstufe zu. Nur als Beispiel: Da wird aus der «begabteste Regisseur des Jahres» der «begabteste Regisseur des Jahrzehnts» und daraus der «begabteste Regisseur des Jahrhunderts».
Was und wo sind Ihre nächsten Projekte bzw. Premieren?
Nach Kolpert mache ich am Wiener Volkstheater Gorkis Kinder der Sonne, Premiere ist am 27. April. Danach erlaube ich mir eine kreative Atempause. Ich nutze den Sommer, um über die nächsten Stücke und Projekte nachzudenken. Auf jeden Fall werde ich mich stark auf meine Arbeit am Düsseldorfer Schauspielhaus konzentrieren und meine Rolle hier als Hausregisseur.
Die Fragen stellte Felix Schnieder-Henninger

