Kevin Rittberger

Regie

Kevin Rittberger arbeitet am Schauspielhaus Hamburg, Deutschen Theater Berlin, Schauspiel Frankfurt und am Schauspielhaus Wien, wo Puppen entstand. Er inszeniert neben Werken von Alexander Kluge eigene Stücke. 2010 erhielt er den Regiepreis der Akademie der Darstellenden Künste. Kassandra oder Die Welt als Ende der Vorstellung wurde nominiert für die Mülheimer Theatertage 2011.

www.kevinrittberger.de



Stücke

Interview/Material

Biograph 12/2011

Leni Peickert kauft sich einen Elefanten

Gespräch mit Kevin Rittberger, dem Regisseur und Autor des Stücks Puppen – Eine musiktheatralische Installation in Zusammenarbeit mit Hauschka und Stefan Schneider. Deutsche Erstaufführung am 15. Dezember 2011 am Düsseldorfer Schauspielhaus

Frage: Man liest derzeit überall Deinen Namen. Wie geht man als junger Regisseur mit Erfolg um?

Kevin Rittberger: Erfolg ist, dass ich einen kleinen Sohn habe. Das macht mich glücklich. Beruflich gesehen kann das heißen, dass man mir weniger reinreden kann in meine Arbeit, in das, was ich verfolge. Und dass man dann auch die Möglichkeit hat, ungewöhnliche und eigensinnige Projekte zu machen. Wenn der Erfolg dazu führt, dass sich Routine einschleicht oder man beginnt, sich zu wiederholen, höre ich lieber auf.

Mit Puppen ist erstmals ein Stück von Dir in Düsseldorf zu sehen. Spielt der Titel auf Heinrich von Kleists Marionettentheater an? Ist Kleist ein Ausgangspunkt für Dich?

Kleist versuchte zeitlebens, einmal um die Welt zu stolpern und zu rasen und zu hoffen, dass er das Paradies dann noch im Rahmen der Öffnungszeiten vorfindet. Und falls es geschlossen hätte – wovon auszugehen ist – eine Vorrichtung zu erfinden, die den Menschen die ganze Schwere von den Schultern nimmt. Kleist nennt den gewünschten Effekt „anti-grav“. Damit kann ich sehr viel anfangen.

Worum geht es in Puppen?

Seit langem inszeniere ich wieder einen eigenen Text. Als ich ihn vor drei Jahren schrieb, war dieser Zusammenbruch der alten Ordnung, den wir heute erleben, noch nicht eingetreten. Ich war in Ägypten vor der Revolution, in London vor den Riots - überall konnte man diese dicke Luft spüren, den Zerfall der Herrschaftsverhältnisse. Das habe ich in Puppen verarbeitet - auf eine gewisse Weise war das vorausahnend, wenn man so will. Die Immobilienkrise, die eine Kapitalismuskrise, vielleicht sogar inzwischen eine Demokratiekrise geworden ist, das steckt in Puppen. Der Text besteht eher aus Fragmenten, Splittern und folgt der Logik des Traums, Kausaliät gilt hier nicht. Wenn man nach einem Traum aufwacht ist da dieses Staunen - diese Erfahrung wünsche ich mir für die Zuschauer. So ist der Text angelegt. Bei den Proben entwickle ich weitere Traumbilder für diese zusammenbrechende Welt. Das hört sich jetzt furchtbar traurig und düster an. Aber darin steckt auch ein grotesker, anarchischer Humor.

Ist Puppen nur als Komödie denkbar?

Als Groteske. Und ja, das Zwerchfell sollte ein zuverlässiger Partner sein, wenn es unerträglich wird.

Zwei Deiner vier Figuren gehen altmodischen Berufen wie Fleischer und Friseur nach, während die anderen beiden eher symbolische (Arbeits-) Biografien besitzen. Was verbindet diese zwei Ebenen?

Fleischer und Friseurin sind hier Chiffren, die gleich erkannt werden, aber nicht mehr identifiziert werden können. Der eine hat kein Fleisch mehr zu verkaufen, die andere kann gar keine Haare schneiden. Wir haben es mit bloßen Worthülsen zu tun, die neu gefüllt werden wollen. Die Figur Klandestino und die schwindelnde Frau entwickeln dagegen schon dauerhafte Strategien gegen stetig wachsende Instabilitäten. Entfremdung, Fragmentierung, Prekarisierung, Verlust von Vertrauen in Arbeit, Menschenwürde und Gesellschaft sind wichtige Punkte. Für mich stellt sich das Ganze als ein reichlich absurdes und unzusammenhängendes Verhältnis dar, in dem sich keiner noch über Arbeit definieren kann. Wer will sie bewerten, die „Arbeit“? Das Wort wird doch meistens rein ideologisch verwendet, damit nicht alle den Kopf in den Sand stecken. Ich kann das derzeit gar nicht sagen, was Fragment ist und was heil, im Sinne einer „altmodischen“, funktionierenden Biografie. Der Text ist nicht zu Ende erzählt - deswegen habe ich zwei Lokalmatadore, Hauschka und Stefan Schneider eingeladen, mit mir diese Geschichte fortzuschreiben. Hauschka komponiert eine Ouvertüre für zehn Musiker, die live auf der Bühne spielen werden, Schneider wird eine weitere musikalische und auch eine visuelle Ebene dazu erfinden. Deswegen nennen wir das Ganze eine Installation, weil verschiedene Künste nebeneinander stehen.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Hauschka und Stefan Schneider?

Mit Hauschka habe ich bereits in Frankfurt bei der Marquise von O. gearbeitet. Ich kenne ihn von einem frühen Konzert in Hamburg, da war ich einer von 30 glücklichen Besuchern. Das ist sehr lange her. Inzwischen ist er ja sehr anerkannt und tourt international. Schneider habe ich auch in Hamburg kennengelernt und durch Konzerte im Berliner Babylon und der Volksbühne. Die Ebene der visuellen Kunst, Schneider ist Becher-Schüler, finde ich unglaublich inspirierend für meine Arbeit.

Ist es einfach, seine eigenen Stücke zu inszenieren?

Einfach sicher nicht. Es ist eine Entwicklung: Am Anfang habe ich mit mir als Autor gehadert. Früher sind meine Texte oft noch während der Proben entstanden, auch gemeinsam mit den Schauspielern entwickelt. Das kann sehr beglückend sein, wenn alle sich darauf einlassen. Puppen ist viel geschlossener - aus dem Bauch heraus, mit viel Gefühl, weniger durchkonstruiert.

Woher kommt Deine Alexander-Kluge-Obsession? Seid Ihr Euch bereits begegnet?

Schon oft. Es war eine langsame Annäherung. Seine Texte kenne ich bereits aus dem Germanistik-Studium. In meiner Magisterarbeit ging es um ihn. Ich habe dann sehr früh mit Texten von ihm gearbeitet, viel ausprobiert. Inzwischen gibt es vier Kluge-Abende von mir. Er ist offen und berät mich, empfiehlt Texte oder sagt auch, was nicht gut ist. Aber er gewährt mir völlige Autonomie, ermutigt mich, seine Sachen für die Bühne spielbar zu machen, Texte umzustellen. Er ist überhaupt nicht an Werktreue interessiert. Bei meiner jüngsten Premiere am Münchner Residenztheater kam er am Ende der Vorstellung zum Applaus mit auf die Bühne, drückte die Schauspieler, offensichtlich ganz gerührt. Einmal war er auch in Hamburg bei einer laufenden Vorstellung, sprach nach dem Applaus zum Publikum. Am selben Tag hatte er bereits mit Darstellern des Abends Sequenzen für einen neuen Film gedreht.

Was verbindet Euch inhaltlich?

Alexander Kluge hat in den 70ern einen großartigen Aufsatz geschrieben: „Die schärfste Ideologie: Dass sich die Realität auf ihren realistischen Charakter beruft.“ Kluge sagt: Es findet noch anderes statt als das, was Menschen, die nur herumspazieren, für realistisch und naiv (da unrealistisch) halten. Es geht ihm um eine artistische Gegenbewegung. Er nennt diese „subkutan“, unter der Haut, meint damit aber keine Vorstufe der Gänsehaut, die man dem Zuschauer über psychologisches Spiel zu entlocken sucht, sondern wirkliche Ströme, die unter der Realität weiterfließen. Sie sind geduldig, haben Zeit, machen auch mal Winterschlaf. Aber sie zu verleugnen wäre grotesk. Daran scheitert auch eine Genrebezeichnung. Was ist eine Groteske? Wähle ich die Dokumentation oder die Fiktion? Kluge hat hier einen Dialog hergestellt. In seinem großartigen Film Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos kauft sich Leni Peickert einen Elefanten. Sie will den Zirkus verändern. Das spannendste Programm ist aber das, das sie nicht verwirklichen kann. Es geht ihr um den Möglichkeitssinn. Wenn sie nur sagen würde: Der Elefant hat gelernt, Männchen zu machen und das wollen die Zuschauer sehen, wäre alles aus.

Die Fragen stellte Felix Schnieder-Henninger