Aleksandar Radenković
geboren 1979 im serbischen Novi Sad, studierte an der
Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn
Bartholdy in Leipzig. Auf sein Erstengagement am Schauspiel
Leipzig folgte ein Engagement am Deutschen Schauspielhaus
in Hamburg. Mit der Produktion Marat, was ist aus unserer Revolution geworden? von Volker Lösch war er 2009 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Seit der Spielzeit 2011/12 ist er festes Ensemblemitglied am Düsseldorfer Schauspielhaus.
Stücke
Interview/Material
Rheinische Post, 31.10.11
Der neue Düsseldorfer ''Hamlet''
VON ANNETTE BOSETTI
Aleksandar Radenkovic wird am Freitag die Titelrolle in der Shakespeare-Inszenierung von Staffan Holm spielen. Der deutsch-serbische Schauspieler ist gern nach Düsseldorf gekommen und schon heimisch geworden. Im Sommer drehte er für das ZDF-''Traumschiff'' in New York.
Gerade gab er noch den Romeo in ''Romeo und Julia'', den Ferdinand in ''Kabale und Liebe – beides im Hamburger Schauspielhaus. Dabei studierte er schon parallel den ''Hamlet'' für Düsseldorf. Im Sommer machte er außerdem einen Abstecher nach New York, um mit seinem anspruchsvollen Schauspiel die 65. Jubiläumsfolge des eher seichten ZDF-''Traumschiffs'' zu bereichern. Ein Aktionismus, den Aleksandar Radenkovic vor allem für eine unglaubliche Bereicherung hält. Zweieinhalb Wochen Dreharbeiten auf hoher See in den Theaterferien – drei große Rollen im Kopf – dies alles bedeutete zwar eine gewisse Überforderung, doch Radenkovic arbeitet gerne am Limit. Auch die Andersartigkeit der Aufgaben reize ihn, das ist prickelnd, sagt er, von einem Tag auf den anderen switchen zu müssen.
Nun ist er in Düsseldorf angekommen, sehr gerne, wie er mit jungenhaftem Lächeln sagt, ist er dem Ruf des schwedischen Intendanten ins Festengagement gefolgt. Der Neuanfang am Gustaf-Gründgens-Platz habe ihn gereizt, auch die Energie, die von Staffan Holm ausging, eine Stadt erobern zu wollen. Als Schauspieler müsse man sich bewegen, ''man darf nicht gemütlich werden''. Er lebte schon in Leipzig, München, Frankfurt und Hamburg – jetzt ist er im Stadtteil Flingern der Landeshauptstadt heimisch geworden, hat eine Wohnung gefunden und genießt es, hier zu sein, obwohl er von der Stadt noch nicht viel gesehen hat.
Zwei Muttersprachen beherrscht der 31-Jährige, der mit sieben Jahren – noch vor dem Krieg – aus seinem Heimatland Serbien emigrierte, die Großeltern lebten schon lange in Deutschland, seine Mutter arbeitete beim Hessischen Rundfunk. Der dunkelhaarige sympathische junge Mann mit hohen Wangenknochen und funkelnden Augen spricht akzentfrei Deutsch, und doch fühlte er sich lange als Ausländer. Bis er an den Punkt kam, zu sagen, ich will Schauspieler werden, war ein langer Prozess nötig. Die Leidenschaft war da, die war schon in der Theater-AG des Gymnasiums entflammt, es musste aber noch der Mut aufgebracht werden, diesen Beruf aufzugreifen. Nach dem Abitur hatte er zunächst Jura studiert, um Anwalt zu werden.
Schon während des Schauspielstudiums erhielt er Engagements, und nach den bis heute mehr als 25 großen Theaterproduktionen hat Radenkovic eine Bilderbuch-Karriere hingelegt. Gute Kritiken gibt es zuhauf. Vielleicht weil er ein ''Bauchschauspieler'' ist. ''Ich muss das, was ich empfinde, wirklich empfinden'', sagt er, einräumend, dass es manchmal vielleicht sogar stärker rüberkommt, wenn man etwas auf der Bühne nicht so stark empfindet, also wenn man Distanz aufbringen kann. ''Ich muss die Rolle formen und kneten, mich so extrem wie möglich in etwas hineinbohren, dann macht es mir Spaß. Das Schöne ist am Ende die Überraschung, das Anderssein.''
Und welchen Typ Hamlet will Aleksandar Radenkovic auf die Bühne bringen? ''Jeder hat sein Bild von Hamlet'', sagt er. Jedenfalls fordere die Rolle blankes Gefühl, messerscharfe Analyse und kontrollierten Wahnsinn. Sechs Stunden proben sie im ''Central'' meist am Stück, und jedes Mal ist es ''eine große Freude''. Hinterher fühlt er sich ausgezehrt, zitternd, fiebrig.
''Hamlet ist sehr fordernd, körperlich wie mental.'' Der regieführende Intendant sei witzig und tiefgründig, arbeite schauspielerzentriert, und Holm gewähre Raum zur Entwicklung der Figur – mache Identitätssuche und Psychologisierungen möglich. Welcher Hamlet also? ''Ich glaube, er ist wie ich, ein junger Mann, dem alle Wege offenstehen.''
Bei dem Parallel-Engagement in Hamburg und der in Berlin lebenden Freundin ist Radenkovic viel unterwegs. Zeit zum Lernen findet er im Zug, den ''Hamlet'' hat er auf Papier und im iPad dabei. Rollenlernen fällt ihm leicht, sagt er, ''was ein Glücksfall ist''.
Pures Glück beschert ihm jeder Bühnenauftritt, mehr noch als die Arbeit beim Film. ''Der Kontakt zum Publikum allabendlich ist unvergleichlich, niemand kann sich vorstellen, was für ein wunderbares Gefühl am Ende der Vorstellung entsteht, weil man alles in sich wachrufen konnte. Dieses Glück nehme ich als Geschenk und könnte es mir gar nicht anders vorstellen.''
Frankfurter Rundschau, 17.08.2010
''So was wie Sie schmeißen wir weg'' - Ein Gespräch mit dem Schauspieler Aleksandar Radenkovic über den Betrieb Theater, Aufnahmeprüfungen und Adrenalinschübe.
Interview: Grete Götze
Auf wie vielen Schauspielschulen haben Sie sich beworben?
Das waren drei. Als erstes bin ich zum Max-Reinhardt-Seminar nach Wien gefahren. Da bin ich in der zweiten Runde ohne Begründung rausgeflogen. Das läuft sehr anonym ab. Du gehst hin, bist eine Nummer, dann gibt’s einen Zettel vorne an der Wand, und alle, die eine Runde weiter sind, freuen sich, als hätten sie Geburtstag. Es war ziemlich scheiße dort, weil ich auch so aufgeregt war beim ersten Vorsprechen, mich nach Jahren mal getraut habe hinzugehen, und dann steht man da und es heißt, Nummer 121 bitte.
Sie hatten sich schon ein paar Mal schriftlich beworben, sich aber nicht getraut hinzugehen?
Ja, seit ich 17 war. Als ich das erste Mal hingegangen bin, war ich 21. Da hatte ich schon Regieassistenzen bei Christian Stückl am Münchner Volkstheater gemacht und gesehen, dass Schauspieler auch Angst haben und ihren Text mal nicht können. Als ich das wusste, habe ich mich getraut. Mein zweites Vorsprechen hatte ich an der Ernst-Busch-Schule in Berlin, da dachte ich, jetzt werde ich mich mal locker machen, aber dann bin ich gleich in der ersten Runde geflogen. Und da gab es eine Begründung, ich weiß sie noch im Originalton: „So was wie Sie brauchen wir hier nicht, so was wie Sie schmeißen wir weg, kommen Sie wieder, wenn Sie nicht mehr so eingebildet sind.“ Die dritte Prüfung war dann in Leipzig, und da hat’s geklappt.
Finden Sie die Aufnahmekriterien im Nachhinein sinnvoll?
In diesem Beruf ist alles sehr subjektiv. Deswegen gibt es auch keine generellen Aufnahmekriterien. Die eine Schauspielschule sagt dir, das ist total geil, und die andere kritisiert dich genau dafür. Aber im Grunde denke ich schon, dass Schulen gut aussieben können und die 15 Leute, die sich unter 1500 durchgesetzt haben, die richtige Wahl sind. Wobei vier Jahre an einer Schauspielschule zu sein, auch problematisch ist, weil man irgendwann in der eigenen Schauspielschulsuppe herumschwimmt. Und dann nach vier Jahren aus der behüteten Schauspielschulatmosphäre ins kalte Wasser geschmissen wird. Dann hat man nicht mehr sechs Wochen Zeit für einen Monolog, sondern für ein ganzes Stück.
Gab es eine spezielle Produktion, die Ihre Karriere ins Laufen gebracht hat?
Das hing alles zusammen. Ich habe ja schon während des Studiums am Theater gespielt, wurde dort schon beobachtet, aber die eine Produktion könnte ich nicht benennen. Ich hatte das Glück, schon vor dem I-Vorspiel zu wissen, dass ich in Leipzig bleiben kann.
I-Vorspiel?
Intendantenvorsprechen. Dafür hatte man zwei Monologe, ein Szenenstudium und ein Lied parat, die man zeigen konnte. Außerdem gab es eine Inszenierung der ganzen Klasse. Zum I-Vorspiel kommen Intendanten und Prüfer, die die Schauspieler in die zentrale Bühnen- und Fernsehvermittlungsstelle aufnehmen. Zugleich ist das der praktische Teil der Diplomprüfung.
Sind bei Ihnen während der Schulzeit Studenten rausgeflogen?
Ja. Weil das, was sich die Schule von denjenigen erhofft hat, nicht eingetreten ist. Da sind wir wieder bei der Vorsprechsituation. Man ist in drei Runden drei Mal da. Und die Dozenten müssen bei so einem Überangebot in der kurzen Prüfungszeit eine Wahl treffen.
Sind diejenigen an renommierte Häuser gekommen, von denen Sie es auch gedacht hätten?
Da sind meine Eindrücke unterschiedlich. Ich für mich kann nur sagen, dass ich zur rechten Zeit am rechten Ort war. Auch, als Sebastian Hartmann nach Leipzig kam und wir uns neu bewerben mussten, Hartmann hat ja fast niemanden übernommen.
Warum nicht?
Das ist doch immer so, wenn es einen Intendantenwechsel gibt. Es ist gut, dass sich etwas ändert, wenn ein Intendant 15 Jahre an einem Haus war. Beim Schauspielerdasein ist nichts schlimmer als Alltag und Routine. Es ist gut, sich immer wieder neu ins kalte Wasser schmeißen zu müssen. Immer wieder vorzusprechen. Ich habe dann in Hamburg beim Intendanten Friedrich Schirmer vorgesprochen. Damals habe ich in Leipzig im Wallenstein gespielt, den hat Schirmer sich auch noch angesehen. Es hat ein bisschen gedauert, bis ich die Zusage hatte.
Haben Sie es dann als großen Druck empfunden, in Hamburg zu bestehen?
Ja, an einem so großen Haus, mit so großer Tradition, das war schon was. Da kam es darauf an, die erste Hauptrolle nicht zu verkacken. Für mich war der Druck aber konstruktiv. Ich habe dadurch so einen Adrenalinschub, eine Arbeitswut bekommen, dass ich mich gar nicht mehr an die Probenzeit erinnern kann.
In wie vielen Produktionen haben Sie in den letzten Jahren gespielt?
So 25 in den letzten fünf Jahren.
Sind Sie oft zu Hause?
Während der normalen Probenzeiten schon. Aber dadurch, dass ich in den letzten Jahren in München, Leipzig, Frankfurt, Hamburg gewohnt habe und nie lange in einer Stadt war, ist Heimat schon ein schwieriger Begriff für mich.
Kann man sich zu sehr hergeben, in zu vielen Produktionen spielen?
Diese Frage beschäftigt mich sehr. Das ist ein Zwiespalt. Auf der einen Seite ist man froh, wenn sich Leute für einen interessieren, auf der anderen Seite hat man Angst, auf ein Fach festgelegt zu werden. Ich habe ja nach dem Ferdinand aus „Kabale und Liebe“ den Romeo gespielt. Da habe ich mich schon gefragt, wie ich es schaffe, etwas Neues zu erzählen. Wenn man fünf Produktionen im Jahr macht, kann man irgendwann ausgebrannt sein. Dann sollte man aufhören, auf der Bühne zu stehen – sonst wird es Schubladenspiel, langweilig.
Wo sind eigentlich die alten Schauspieler?
Diese Frage müsste man an die Autoren weitergeben. Es gibt einfach mehr junge bis mittelalte Rollen. Das gleiche Problem haben ja auch Frauen im Theater. In dem Moment, wo sie nicht mehr in einem Gretchen-, einem Julia- oder Luise-Alter sind. Da gibt es dann meistens nur eine Frauenrolle und viele Männerrollen.
Man wird also nicht gut älter in diesem Beruf?
Es geht eher darum, dass ich nicht weiß, ob ich in zehn Jahren noch so viel zu erzählen habe wie jetzt. Ich versuche mich von der Idee freizumachen, mein ganzes Leben Schauspieler zu sein. Heute arbeiten wir ja nirgendwo mehr 40 Jahre an einem Arbeitsplatz.
Woran liegt es, dass es heute nicht mehr so große Theaterstars gibt, wie es Gustav Gründgens oder Edith Clever einst waren?
Die Geschwindigkeit hat sich verändert, alles ist viel schneller, der Markt größer geworden, es gibt so viele Leute, die berühmt werden wollen. Die Zeiten von Schauspielern vergangener Tage, in denen es noch kein Fernsehen gab, waren anders. Da hatte das Theater noch einen anderen Stellenwert.
Warum wollen trotzdem so viele junge Leute Schauspieler werden?
Heute wird uns andauernd suggeriert, dass es erstrebenswert ist, Popstar oder Schauspieler zu werden. Es wird zu viel über das Star-Sein berichtet. Aber das war nicht meine Motivation. Ich selbst wollte unbedingt um acht, wenn der Lappen hochgeht, auf der Bühne stehen.
Wie wichtig ist das Aussehen eines Schauspielers für seinen Erfolg?
Der Mensch auf der Bühne muss interessant sein, man muss Lust haben, ihm zwei Stunden zuzugucken. Im Fernsehen kann man umschalten.
Wie spielt man fürs Theater und wie fürs Fernsehen?
Zwei unterschiedliche Arbeitsweisen. Im Theater spielt man einen Bogen vom Anfang zum Ende, im Film springt man in den Szenen. Im Theater muss ich für den zweiten Rang vierzig Meter hoch spielen, aber ich hätte auch mal Lust, klein für die Kamera zu spielen.
Geld spielt keine Rolle?
So krass wird im Fernsehen nicht mehr gezahlt. Und schlecht verdiene ich im Theater auch nicht mehr.
Lesen Sie Kritiken?
Ja, nur können sie einem das Leben schon manchmal schwer machen. Aber ich habe keine Zeit, mich wegen einem Verriss ein paar Monate in Frage zu stellen. Man muss in diesem Beruf sehr schnell lernen, konstruktiv mit Kritik umzugehen.
Ist das Verhältnis zwischen Regisseur und Schauspieler ebenbürtig?
Da sind die Regisseure unterschiedlich. Manche gehen über Lautstärke, manche über Vertrauen. Ich mag das vertraute Verhältnis. Für mich funktioniert die Arbeit nicht über Angst, sondern darüber, dass ich weiß, ich kann mich fallen lassen, nackt und frei sein. Der ganze Arbeitsprozess ist ja ein Sich-ständig-verwundbar- zeigen.
Wann sollte man ein Haus verlassen?
Wenn man sich anfängt zu langweilen, wenn man gemütlich wird.

