Tina Engel

studierte Schauspiel an der Hochschule für Musik und
Theater in ihrer Heimatstadt Hannover. Nach Engagements
in Rendsburg, Bielefeld und Zürich kam sie 1976 an
die Berliner Schaubühne. Dort war sie bis 1999 Mitglied
des Ensembles und spielte u. a. Natascha in Peter Steins
Inszenierung von Tschechows Drei Schwestern, außerdem
Irene Herms in Der einsame Weg, inszeniert von Andrea
Breth. Seit 2000 ist sie freischaffend tätig und arbeitet
auch als Regisseurin. Dem Kinopublikum wurde sie durch
die Filme Das zweite Erwachen von 1977, für den sie mit
dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet wurde, sowie Die
Blechtrommel
von 1978 bekannt. Zuletzt war sie im Kino
in Die kommenden Tage zu sehen. 2011 spielt sie Violet in
Eine Familie am Hans Otto Theater in Potsdam.

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Stück / Rolle

Abgespielte Stücke / Rollen

Interview/Material

Rheinische Post, 10.3.2012

Tina Engel: Wahrheit auf der Bühne

Sie ist eine Schaubühnen-Frau: 24 Jahre gehörte Tina Engel zum Ensemble der Berliner Bühne unter Peter Stein. Sie spielte in wichtigen Filmen wie Schlöndorffs ''Blechtrommel'' und in zahlreichen Fernsehspielen. Jetzt steht Tina Engel im Schauspielhaus auf der Bühne in ''Einsame Menschen''.

VON DOROTHEE KRINGS

Sie hat immer so gern Gedichte aufgesagt. In der Schule mochte sie es, wenn alle still werden und ihr zuhören mussten. Denn bei ihr zuhause wurde viel und laut durcheinander erzählt, drei Kinder, Palaver, da musste man kämpfen um eigene Redezeit. Doch wenn sie Gedichte vortrug, die hohen Worte der Literatur in den Mund nahm, bekam sie Aufmerksamkeit wie von selbst. ''Diesen Raum hab' ich mir gern genommen'', sagt Tina Engel. Auch ging sie schon als Kind gern zum Weihnachtsmärchen ins Theater. ''Da hätte ich am liebsten gleich mitgespielt'', sagt sie, ''das hat sich bis heute gehalten.'' Tina Engel lacht. Sie hat so ein burschikoses Lachen, als sei alles, was sie über sich und ihren Werdegang erzählt nicht so wichtig.

''Stinknormal'' sei ihre Jugend gewesen, sagt sie. Dass schon der Vater Schauspieler war, habe keine Rolle gespielt, die Eltern hätten die Kinder ferngehalten vom Theatermilieu. Obwohl Tina Engel zu den renommiertesten deutschen Schauspielerinnen zählt, unglaubliche 24 Jahre zum Ensemble der Berliner Schaubühne gehörte und in zahlreichen Film- und Fernsehrollen zu sehen ist, vermeidet sie fast streng alles Divenhafte. Als sei Schauspielerei ein Beruf wie andere.

Gelernt hat sie ihr Handwerk Ende der 60er Jahre an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Dort ist sie auch aufgewachsen, man hört das an ihrem ungefärbten Deutsch. Noch während des Studiums begann sie zu spielen am Schleswig-Holsteinischen Landestheater in Rendsburg. Der erste Auftritt auf großer Bühne, das weiß sie noch genau, sei ihr vollkommen unwirklich erschienen. ''Ich war noch so jung, ging am Vormittag durch das kleine Rendsburg und war fest davon überzeugt, dass heute Abend alle Leute ins Theater gehen würden'', sagt sie und verdreht die Augen – als spräche sie über eine dumme Göre, die sie früher einmal kannte. Von Rendsburg ging Tina Engel nach Bielefeld, Zürich und dann, 1976, zu Peter Stein nach Berlin an die Schaubühne.

Das allerdings sei ein Schritt gewesen, sagt Tina Engel. Sie war schon als Studentin an die Schaubühne gepilgert, um sich Inszenierungen anzusehen. Plötzlich gehörte sie dazu, spielte unter Regisseuren wie Stein, Peymann, Klaus Michael Grüber. ''Ich wollte da immer hin'', sagt Engel, ''aber ich wusste, dass ich erst Erfahrung sammeln musste.'' Irgendwann schrieb sie aus Zürich eine Bewerbung und bekam einen freundlichen Brief zurück. In dem stand, dass die Schaubühne keine Anfänger engagiere. ''Da stand ich schon fünf Spielzeiten auf der Bühne'', sagt Engel. Doch sie bekam ihre Chance, als die Schaubühne in Zürich gastierte und Mitglieder der Bühne sie spielen sahen. Sie wurde zum Vorsprechen eingeladen und bekam einen festen Platz im Ensemble.

Nebenher drehte sie wichtige Filme. Engel ist Oskar Matzeraths Großmutter in Schlöndorffs berühmter Verfilmung der ''Blechtrommel''. Für ihre darstellerische Leistung in Margarethe von Trottas ''Das zweite Erwachen der Christa Klages'' bekam sie 1978 das Filmband in Gold. Vor der Kamera wandte sie an, was sie an der Schaubühne lernte. Die Jahre an dieser Bühne haben sie geformt. ''Da wurde mit einer Körperlichkeit, einer Plastizität gespielt, das war unglaublich – die Sprache war zum Anfassen'', sagt Tina Engel. Das habe sie erst einmal lernen müssen. Sein, nicht spielen, das sei die Herausforderung gewesen. ''Und zuhören'', sagt Engel, ''ich kann wirklich gut zuhören auf der Bühne. Ich beobachte, was der andere macht, und wenn ich dran bin, bin ich da.''

Wie sehr Tina Engel, diese Art, präsent zu sein in einem Text verinnerlicht hat, kann man jetzt am Schauspielhaus erleben, in Gerhart Hauptmanns ''Einsame Menschen''. Da spielt Engel die Mutter des schwierigen, künstlerisch ambitionierten Johannes Vockerat. Eigentlich eine Nebenrolle. Doch Engel macht aus der Mutter, die ihren Sohn erst nicht loslassen kann, sich dann aber umso brutaler von ihm abwendet, eine der zentralen Figuren des Stücks.

''Es ist eine tolle Rolle'', sagt Engel, ''völlig verrückt, dass die manchmal von Regisseuren gestrichen wird.'' Mit Regisseurin Nora Schlocker hat Engel gern zusammengearbeitet. ''Das ist eine sehr intelligente, junge Frau'', sagt sie. Außerdem traf sie bei dieser Produktion auf Mitspieler wie Ingo Tomi, Xenia Noetzelmann und Bettina Kerl, die alle an derselben Schule studiert haben, an der Engel seit einigen Jahren unterrichtet, an der Berliner Ernst-Busch-Schule. Engel inszeniert auch selbst; sie legt Wert auf ein Leben neben der Bühne. ''Ich bin kein Gruppentyp'', sagt sie, ''ich lebe nicht nur für die Theaterfamilie.'' Und dann lacht sie wieder so ein bisschen trotzig, schnoddrig. Eine große Schauspielerin, die keine Diva sein will.